München – Es war ein Sprachkampf, der allein 1997 zu 30 Gerichtsverfahren, 1998 zu einer (erfolglosen) Verfassungsbeschwerde und sogar zu Volksentscheiden führte. Nach gut 20 Jahren Vorarbeit beschlossen Deutschland, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz am 1. Juli 1996 die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Das Ziel: die Rechtschreibung systematisieren, die Zahl der Regeln deutlich verkleinern. Bei den Kommata gab es großzügige Kann-Bestimmungen, substantivierte Adjektive oder Partizipien wurden großgeschrieben: im Argen liegen, im Dunkeln tappen. Wortfamilien sollten einheitlich geschrieben werden – überschwänglich statt überschwenglich, weil das Wort auf Überschwang zurückgeht. Und Fremdwörter sollten stärker integriert werden: Ab jetzt verzehrte man Ketschup und Majonäse.
Schon seit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 war der Wunsch groß, die politische Einheit durch einheitliche Rechtschreibung zu dokumentieren. 1901 wurde ein für alle Länder im Reich verbindliches Regelwerk beschlossen, es hatte fast das gesamte 20. Jahrhundert Bestand. Aus Chicane wurde Schikane, aus Litteratur Literatur und aus Noth Not. Dass der Thron weiter mit „Th“ geschrieben wurde, wird der persönlichen Einflussnahme Kaiser Wilhelms II. zugeschrieben. Der Duden war der Goldstandard der Rechtschreibung, seine Vorgaben – Auto fahren, aber radfahren – führten immer wieder zu Ärger.
Dass die Reform 1996 zum Albtraum mutierte, lag auch daran, dass die schulische, publizistische und private Schreibpraxis wenig berücksichtigt wurde. Schriftsteller wie Günter Grass, Siegfried Lenz und Martin Walser riefen zum Boykott auf, Verlage protestierten gegen hohe Kosten. Die „Frankfurter Allgemeine“ und der „Spiegel“ kehrten zur alten Orthografie zurück, während sich die neue Schreibweise in Schulbüchern immer mehr durchsetzte, die Einheitlichkeit drohte buchstäblich unterzugehen.
Die „Reform der Reform“ 2006 nahm die umstrittensten Änderungen zurück, Majonäse war wieder Mayonnaise. Es ist ein vorübergehender Waffenstillstand. Der Konflikt um Gendersternchen und die Aufnahme von Fremdwörtern in den Duden zeigt: Der Streit um Sprache und Rechtschreibung ist noch lange nicht ausgestanden. CHRISTOPH ARENS