München – Konrad Landgraf ist Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Ein Gespräch über Spielsucht, den Einfluss von Corona und den neuen Glücksspiel-Staatsvertrag.
Herr Landgraf, von wie vielen Spielsüchtigen sprechen wir in Bayern?
Wir haben in Bayern rund 33 000 pathologische Glücksspieler und 35 000 problematische Glücksspieler. Pathologische Glücksspieler haben komplett die Kontrolle verloren über die Spieldauer und den Geldeinsatz. Zudem lügen sie ihr Umfeld an, was ihr Spielverhalten angeht. Problematische Spieler erfüllen diese Kriterien nicht vollends, aber schon zum Teil.
Wie hoch ist denn die Dunkelziffer bei spielsüchtigen Menschen?
Sehr hoch. Wir gehen davon aus, dass sich lediglich 15 Prozent aller Betroffenen Hilfe bei einer Suchtberatungsstelle holen.
Welche Personen sind am meisten gefährdet, in die Spielsucht abzurutschen?
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen. Besonders junge Männer sind gefährdet. Männer riskieren häufig mehr als Frauen. Bei jungen Männern ist das noch ausgeprägter. Interessant ist, dass im Jahr 2019 etwa 62 Prozent aller Spielsüchtigen in einer Beziehung waren, nur 38 Prozent alleinstehend.
Woran merkt eine Person, dass sie Gefahr läuft, spielsüchtig zu werden?
Das kann jeder mit zwei einfachen Fragen testen. Habe ich mehr Geld eingesetzt als ich ursprünglich einsetzen wollte? Habe ich jemals Personen über mein Spielverhalten angelogen? Wenn eine der beiden Fragen mit ja beantwortet wird, sollte man sich Gedanken machen.
Wie schnell erkennen Betroffene ihre Sucht?
Oftmals dauert es Jahre. Weitere Jahre ziehen ins Land, bis sich ein Betroffener Hilfe sucht. Wir gehen davon aus, dass vom Beginn der Sucht bis zur Suche nach Hilfe fünf bis zehn Jahre vergehen.
Was sind die Konsequenzen einer Spielsucht?
Zunächst einmal kostet sie wahnsinnig viel Geld. Ich habe Spieler kennengelernt, die siebenstellige Beträge verzockt haben. Teilweise rutschen Betroffene in kriminelle Machenschaften ab, wie das Veruntreuen von Geld. Schulden und Stress wirken sich auf die Familie aus.
Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie?
Dazu wurden bedauerlicherweise keine konkreten Zahlen erhoben. Fakt ist aber: Durch die Schließung von Sportwettbüros sowie Spielhallen und die Absage der Sportveranstaltungen weltweit mussten viele Zocker eine Zwangspause einlegen.
Oder eher ein Wechsel ins Online-Casino?
Die einen haben sich, zumindest vorübergehend, aus dem Glücksspiel zurückgezogen, und die anderen sind vermehrt online unterwegs. Bis konkrete Zahlen dazu vorliegen, dauert es aber noch.
Sind Sie mit dem neuen Glücksspiel-Staatsvertrag zufrieden?
Nur teilweise. Positiv ist, dass ein spielartenübergreifendes Sperrsystem eingeführt wird. Zuvor musste mit jedem einzelnen Portal beziehungsweise jeder Spielhalle die Sperrung abgesprochen werden.
Die negativen Aspekte?
Die breite Öffnung des Online-Glücksspielmarktes, da die Konsequenzen unklar sind. Erst Ende 2020 erhielten die ersten Sportwettenanbieter ihre Lizenzen. Es hätte abgewartet werden müssen, wie sich das auswirkt.
Wie bewerten Sie das Monatslimit von 1000 Euro?
Die Industrieseite sagt natürlich, dass 1000 Euro zu wenig ist. Ich sage, dass es zu viel ist. Man muss beachten, dass statistisch eine Familie ein durchschnittliches monatliches Freizeiteinkommen von nur 250 bis 300 Euro besitzt.
Suchen Menschen, die für mehr als 1000 Euro im Monat spielen wollen, den Weg auf illegale Portale?
Erstens ist das nicht bewiesen. Und zweitens brauchen wir den Markt dann überhaupt nicht mehr zu regulieren, wenn wir uns nach dem illegalen Markt richten. Das kann nicht der Maßstab sein.
Aktive Fußballspieler und Funktionäre dürfen fortan nicht mehr für Wettanbieter werben. Sportvereine und Verbände schon. Was halten Sie davon?
Die Verknüpfung des Sports und Werbung für Sportwetten halte ich für sehr bedenklich. Sie stellt gerade für junge sportbegeisterte Männer eine Gefahr dar. Sie denken, dass sie sich bei Wetten in diesem Sektor auskennen und Geld verdienen können. Ein Trugschluss! Sportwetten sind Glücksspiel, auf Dauer werde ich damit nicht reich.
Und Werbung durch Sportvereine verleitet die jungen Menschen?
Die Vereine haben eine Vorbildfunktion, der sie hier nicht nachkommen. Werbung für Wetten ist derselbe Fehler wie früher Reklame für Alkohol oder Nikotin. Der FC Bayern würde heutzutage niemals mit Jägermeister als Sponsor auflaufen.
Was fordern Sie?
Aufgrund der hohen Werbeausgaben müsste viel mehr Geld in die Prävention gesteckt werden. Und es muss gelingen, die Anzahl an Geldspielgeräten in Bayern zu verringern.
Interview: Marco Blanco Ucles