„Schlimmste Katastrophe, die ich erlebt habe“

von Redaktion

VON S. WEIMER, T. BENDER UND L. SCHMITZ-MACHELETT

Ahrweiler/Altena/Eifel – Die Wassermassen wälzen sich regelrecht durch die Straßen, ganze Orte versinken in braunen Fluten. Es sind unfassbare Bilder und Szenen, die sich am Donnerstag in der Eifel und in Teilen von Nordrhein-Westfalen abspielen. Das, was die meisten Menschen in Deutschland bislang nur aus weiter Ferne kannten, ist plötzlich ganz nah.

Weit über 50 Menschen sterben nach Überflutungen und Dauerregen. In Rheinland-Pfalz werden auch am Nachmittag noch dutzende Menschen vermisst. Mehrere Häuser sind eingestürzt, viele instabil. Menschen fliehen in Not auf ihre Hausdächer und warten auf Rettung.

Als die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) im Landtag in Mainz das Wort ergreift, wird deutlich, welche Katastrophe sich gerade ereignet hat – und noch ereignet. „Es gibt Tote, es gibt Vermisste, es gibt viele, die noch in Gefahr sind“, sagt Dreyer. „Es ist wirklich verheerend.“ Ganze Orte seien überflutet, Häuser einfach weggeschwommen.

Polizeihelikopter fliegen die Region ab. Unterstützung kommt unter anderem aus dem Süden. Das Bayerische Rote Kreuz hat Luftrettungsspezialisten in „Edelweiß“-Hubschraubern geschickt. Sie helfen in der Eifel und im Raum Trier dabei, Menschen von ihren Dächern zu retten. Es gebe sehr viele Vermisste, sagt Dreyer. Es sei unklar, ob sie sich selbst hätten retten können. Sie zu erreichen, sei schwierig, da das Mobilfunknetz zum Teil ausgefallen sei.

Auch in Nordrhein-Westfalen bleiben nach der Katastrophe Zerstörung und Verwüstung. Über 30 Menschen sterben im Zusammenhang mit dem Hochwasser, allein im südlichen Kreis Euskirchen kommen 15 Menschen ums Leben. In Solingen retteten Einsatzkräfte etwa 130 Menschen aus akuter Not vor den Fluten. „Wir haben die Menschen über Drehleitern, Boote, Bojen herausgeholt“, sagte ein Feuerwehrsprecher. Bilder, mitten aus Deutschland, die hilflos machen. Die Altstadt von Bad Münstereifel wurde völlig verwüstet.

In Rheinland-Pfalz trifft es den Eifel-Ort Schuld besonders schwer. Das Dorf mit etwa 700 Einwohnern – nahe der Grenze zu NRW – liegt in einer Schleife an der Ahr, die eigentlich ein kleiner Fluss ist. Nun hat sie sich in ein reißendes Gewässer verwandelt. Die Fluten reißen mehrere Häuser weg. Es läuft am Donnerstag ein dramatischer Rettungseinsatz, weil sich dutzende Menschen auf den Dächern in Sicherheit gebracht haben. Viele weitere Häuser gelten als einsturzgefährdet.

Auf Bildern zeigt sich die Gewalt, mit der das Wasser die Dörfer und Orte überflutet hat: Autos, Bäume, ganze Häuser sind einfach weggerissen, Trümmer stapeln sich im schmutzigen Wasser, Brücken sind zusammengestürzt. Luftaufnahmen lassen das Ausmaß besonders erahnen: Schuld ist völlig verwüstet, auch Altenburg, ein Ortsteil von Altenahr, versinkt in den Fluten. Am Abend kommt eine besonders tragische Meldung aus der Stadt Sinzig: In einer dortigen Behinderteneinrichtung starben neun Menschen. Die Fluten seien schneller gekommen, als sie hätten in Sicherheit gebracht werden können, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums in Mainz.

Auch die Kleinstadt Altena in der Nähe von Lüdenscheid erwischt es voll. Bürgermeister Uwe Kober hat schon viele Hochwasser kommen und gehen gesehen. „Das war die schlimmste Katastrophe, die ich hier je erlebt habe“, sagt er. 190 Liter Wasser pro Quadratmeter regnet es binnen 24 Stunden. Sein Ort ist seitdem von der Außenwelt abgeschnitten, auf den Straßen ist der Asphalt weggerissen. In viele Häuser ist Wasser eingedrungen. Die Bewohner beginnen sofort mit dem Aufräumen. Wichtig ist, dass der Schlamm schnell aus den Gebäuden kommt. „Wenn er trocken wird, dann ist er so hart wie Beton“, sagt Sabine Schröder, die gestern ab 6 Uhr im Juweliergeschäft ihrer Mutter sauber macht.

An einigen Talsperren in NRW wird das Wasser kontrolliert abgelassen, eine Ortschaft unterhalb der Bevertalsperre im Bergischen Land wird mit einem Boot evakuiert. An der Steinbachtalsperre in Rheinland-Pfalz veranlasst das falsche Gerücht eines Dammbruchs dutzende Bewohner von Heimersheim zur Flucht auf höher gelegenes Terrain. „Wir haben gehört, die Flutwelle kommt“, rufen sie, Panikstimmung macht sich breit. Die Kreisverwaltung Ahrweiler stellt klar, dass von einem Dammbruch keine Rede sein könne. Später spitzt sich die Lage noch mal zu: Ein Sachverständiger stuft die Talsperre als „sehr instabil“ ein. Die Orte Schweinheim, Flamersheim und Palmersheim werden daraufhin evakuiert. 4500 Menschen sind betroffen. Die Sorgen werden an diesem Tag nicht kleiner, sondern größer.

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