Eine Stadt am Abgrund

von Redaktion

München – Das Schlimmste ist die Ungewissheit, berichtet ein Anwohner aus Freisheim in der Eifel. „Ist den Freunden etwas passiert? Oder haben sie nur keinen Empfang?“ In den sozialen Medien häufen sich Bilder von Vermissten. Ganze Familien werden gesucht. Die wenigsten Nutzer können mit Informationen weiterhelfen. Dafür mit Babykleidung, Stromgeneratoren, Handtüchern, kostenlosen Taxifahrten, Gästebetten. Tausende Menschen solidarisieren sich in einer Facebook-Gruppe. Manche sammeln Geld, andere wollen vor Ort Trümmer beseitigen. Das Aufräumen ist aber vielerorts noch zu gefährlich. „Danke an alle für ihren unermüdlichen Einsatz“, schreibt ein Nutzer. „Es tut weh, über Nacht seine gesamte Existenz zu verlieren.“

Nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands werden immer mehr Todesopfer gemeldet. Bis Freitagmittag waren es mehr als hundert. In Erftstadt südwestlich von Köln reißt die Flut ganze Häuser mit. Ein Teil der historischen Burg bricht ein. Menschen kommen bei den Einstürzen ums Leben. Die Flut sei schnell gekommen, sagt Landrat Frank Rock (CDU). Senken hätten binnen zehn Minuten unter Wasser gestanden. Es blieb kaum Zeit, die Menschen zu warnen. Aus der Luft sind gewaltige Erdrutsche zu sehen. Riesige Erdlöcher klaffen. „Es ist eine katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“, sagt Rock. 50 Menschen konnte man mit Booten retten, sagt er dem Fernsehsender n-tv. Wie viele vermisst oder tot sind, weiß man am Freitag noch nicht.

In Sinzig in Rheinland-Pfalz tötet die Flut zwölf Bewohner eines Wohnheims für Menschen mit Behinderungen. „Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses“, sagt Matthias Mandos, Chef des Landesverbands der Lebenshilfe. Die Nachtwache habe es gerade noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock zu bringen. „Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät.“

Weder in Nordrhein-Westfalen noch in Rheinland-Pfalz kennt man das Ausmaß der Verwüstung. „Die Lage ist sehr unübersichtlich“, sagt NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). In dem Bundesland sind 25 Städte und Landkreise besonders betroffen. In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler Schwerpunkt der Katastrophe.

Tausende Helfer sind in beiden Bundesländern unterwegs. Das Verteidigungsministerium löste wegen der Notlage einen militärischen Katastrophenalarm aus. Rund 900 Soldaten der Bundeswehr sind mit Hubschraubern, Räumpanzern und Booten angerückt, um zu helfen. Einsatzkräfte von Polizei, Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk und der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind pausenlos im Einsatz. Gemeinden und Städte haben Bürgertelefone eingerichtet, bei denen Menschen Hinweise auf vermisste Personen und Tote geben können. Auch aus Bayern sind zahlreiche Helfer angerückt (siehe unten).

„Was soll ich sagen, ich hab mein Zuhause verloren“, sagt Justin Gräbe. Der 23-Jährige kommt aus Heimersheim, einem Dorf im Kreis Ahrweiler. „Das Hochwasser hat das gesamte Dorf zerstört“, sagt er. Eingedrückte Brücken, überflutete Straßen, Erdgeschosse unter Wasser – je näher die Menschen an der Ahr lebten, desto gewaltiger die Katastrophe. „Bei Bekannten ist ein Container durch die Hauswand gekracht. Ich hatte Glück, meine Wohnung steht noch.“ Gräbe ist bei Freunden außerhalb der Stadt untergekommen. Wie es seiner Familie geht, weiß er nicht. „Ich weiß nicht mal, ob sie Strom oder Essen haben.“

In Nachrodt-Wiblingwerde im Sauerland sind etwa 50 Häuser von der Außenwelt abgeschnitten. Die Zufahrt am Bahnübergang ist zerstört – und nur über diese Straße kommen die Anwohner aus den betroffenen zwei Straßen raus. „Wir haben immer genug im Haus. Ich backe Brot und Brötchen selbst und versorge damit auch zum Teil die Nachbarn“, sagt Anwohnerin Astrid Witteler. Bauamtsleiter Dirk Röding erzählt, dass die Leute weder zum Arzt noch zum Einkaufen könnten. Man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Trotzdem nehmen es viele gelassen. „Wenn man sieht, was in der Eifel passiert ist, dann haben wir hier ein Luxusproblem“, erzählt ein Anwohner. kab/sfb/nms/dpa

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