München – Jens Michow kennt die Nöte der Veranstalter. 40 Jahre lang hat er die selbst gegründete Agentur „Michow Concerts & Management“ geleitet. Heute ist er Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, kurz BDKV. Die Corona-Pandemie hat seine Branche fast lahmgelegt. Und weil keine Besserung in Sicht ist, geht der BDKV-Chef jetzt in die Offensive. Er fordert von der Politik eine Antwort auf die Frage, unter welchen Umständen wieder Konzerte und Festivals ohne Beschränkung der Besucherzahl und ohne Abstandsregeln möglich sind – und untermauert das mit einer provokanten Idee: die „2G“-Regel: Bedeutet: Nur noch Geimpfte und Genesene dürfen rein – dafür kippt der Bund die Restriktionen.
„Der jetzige Zustand ist auf Dauer nicht tragbar“
„Wir haben in unseren vielen Gesprächen mit Bund und Ländern zu unserem großen Bedauern zur Kenntnis nehmen müssen, dass uns Veranstaltungen ohne Abstandsregeln und Kapazitätseinschränkungen unter Teilnahme negativ Getesteter nicht genehmigt werden“, erklärt Michow im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ist es da nicht nachvollziehbar, dass wir nun fragen, ob es auch bei Zulassung nur der ,2G‘ ebenfalls noch Restriktionen geben muss?“
Eineinhalb Jahre, sagt Michow, habe man „mit großer Selbstverständlichkeit jede Maßnahme unterstützt, die dem Infektionsschutz dient“. Nun sei es Zeit. „Entweder ist eine Impfung die Ultima Ratio oder sie ist es nicht. Wenn die Politik sagt, das reicht nicht aus, dann soll sie definieren, was denn ausreicht. Mehr als Impfen geht aber nicht.“ Der jetzige Zustand mit all den Hygienebeschränkungen sei auf Dauer nicht tragbar. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird es uns erlaubt, Veranstaltungen wieder wirtschaftlich durchzuführen oder man soll uns sagen, dass Veranstaltungen, wie wir sie mal kannten, nie mehr möglich sein werden. Dann würden die Veranstalter aber endlich wissen, woran sie sind.“
In der Branche knabbert man noch an dem Vorstoß. „Ich kann die Motivation für diese Forderung verstehen, denn die freie Kulturszene kann noch immer nicht vernünftig und schon gar nicht wirtschaftlich arbeiten“, sagt Christian Waggershauser, einer der beiden Geschäftsführer der Münchner Muffathalle. „Das wäre natürlich möglich, wenn wir nur noch Geimpfte oder Genesene reinlassen.“ Aber viele Leute hätten sich solidarisch gezeigt und die Karten für verschobene Konzerte nicht zurückgegeben. „Und dann kommen wir im Herbst und sagen: Du bist nicht geimpft und kommst nicht rein?“ Zudem gebe es auch Menschen, die sich nicht impfen lassen können. Waggershauser plädiert eher für eine neue Impf- und Aufklärungskampagne, die auch Impfskeptiker erreicht. „Vielleicht mit jungen Influencern, mit Künstlern, Imamen, dem Ausländerbeirat, welche tief und breit die Bevölkerung erreichen.“ So wie Michow wünscht sich aber auch der Muffathallen-Chef Planungssicherheit. „Teilweise bekommen wir die Genehmigungen erst vier, manchmal sogar erst zwei Wochen vorher. Da macht kein internationaler Künstler und auch der Besucher nicht mit.“
Till Hofmann, Musik- und Kabarettveranstalter sowie Betreiber des „Vereinsheim“ in München-Schwabing, sagt: „Die Forderung klingt einerseits praktisch, andererseits gibt es nun mal keine Impfpflicht. Ich persönlich würde mich mit so einer Vorgabe auch nicht wohlfühlen. Ich möchte niemanden von unseren Veranstaltungen ausschließen müssen.“ Vielleicht, sagt Hofmann, müsse man die sichereren PCR-Tests einfordern. „Solange das Gesundheitssystem und die Krankenhäuser nicht an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, könne man zudem „gelassen auf die Eigenverantwortung der Zuschauer setzen. Da erlebe ich mit den Open Airs momentan viel Positives: Die Leute halten sich diszipliniert an die Hygieneregeln.“
Hans-Georg Stocker vom Münchner „Backstage“ will Ungeimpfte nicht ausschließen.“ „Die Leute haben uns die Stange gehalten, haben Tickets nicht zurückgegeben – das hat uns geholfen. Jemanden nun auszuschließen, kommt deshalb nicht in Frage.“ Womöglich sei die Politik der letzten anderthalb Jahre alternativlos gewesen. Aber auch Stocker will endlich eine Perspektive von der Politik. Und sein Weg führt über die Eigenverantwortung der Bürger.
„Wir können nicht jeden total schützen“
„Wieso nicht sofort die 3-G-Regelung ohne Einschränkung überall einführen?“, fragt der Backstage-Chef. „Gerne mit Registrierung, damit kann man leben. Und ab September Konzerte und Veranstaltungen allgemein zugänglich machen – ohne Impfpflicht. Dann können sich alle Leute noch impfen lassen, die sich ganz sicher fühlen wollen. Andere gehen dann nicht hin oder riskieren halt, krank zu werden. Wir können nicht in einer Welt leben, wo man jeden 100 Prozent vor Krankheit schützt.“
Andreas Schessl, Geschäftsführer von Münchenmusik und damit einer der größten Klassikveranstalter Europas, sagt: „Als privater, subventionierter Veranstalter sind wir abhängig von der Vollbelegung der Säle.“ Unter einer Auslastung von 70 bis 80 Prozent seien die Kosten eines Projekts nicht gedeckt. Grundsätzlich müsse Kultur allen zugänglich sein – aber: „Wenn die Verantwortlichen zu dem Schluss kommen sollten, dass eine Veranstaltung bei voller Kapazität nur dann genehmigungsfähig ist, wenn alle Teilnehmenden entweder geimpft oder genesen sind, würden wir diesen Weg zeitlich begrenzt mitgehen müssen, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, den Veranstaltungsbetrieb wieder aktiv mitzugestalten.“