Lieber locker statt Lockdown: Trendwende in den Niederlanden

von Redaktion

Auf dem Sonderweg durch die Pandemie – kaum Abstand, kaum Maske, kaum Regeln, dafür eine hohe Impfquote

Amsterdam – Dicht an dicht sitzen die Leute an den Amsterdamer Grachten in der Sonne. Küsschen zur Begrüßung, kaum einer hält Abstand, keiner trägt Maske. „Gezellig“, so wie es die Niederländer eben lieben. War da noch was? Ach ja – die Niederlande waren bis gerade eben noch Hochrisikogebiet. Erst gestern hat das RKI seine Einschätzung geändert. Die Infektionszahlen liegen trotzdem sieben Mal so hoch wie beim deutschen Nachbarn.

Viele deutsche Urlauber können ihren Augen nicht trauen. Wenn sie nicht geimpft sind, dann droht ihnen nach der Heimkehr die Quarantäne. Aber in den Niederlanden ist fast alles wie immer. Und das alles bei Inzidenzen von weit über 100. Überhaupt: Das Wort Inzidenz ist ein Fremdwort.

Doch nun ist die Trendwende da. Seit mehr als zwei Wochen gehen die Neuinfektionen drastisch zurück – ohne Lockdown. Nur ein paar Regeln gibt es: Maskenpflicht in Bus und Bahn, Auflagen für Museen, Theater, Kinos. Und doch gelang es, das Virus einzudämmen. Wie ist das möglich? Die Notbremse der Regierung hat gewirkt. Vor etwa vier Wochen waren Premier Mark Rutte und sein Gesundheitsminister Hugo de Jonge zerknirscht vor die Kameras getreten und hatten sich entschuldigt. Sie hätten mit der Lockerung fast aller Maßnahmen Ende Juni einen „Einschätzungsfehler“ gemacht.

Das war leicht untertrieben. Minister de Jonge hatte mit dem Slogan „Tanzen mit Janssen“ die Jugend ausdrücklich ermuntert, sich schnell impfen zu lassen: Am Morgen eine Dosis Janssen – unter diesem Namen wird in den Niederlanden der Impfstoff des US-Unternehmens Johnson & Johnson vermarktet – und dann am Abend zur Party. Da war der volle Impfschutz noch gar nicht gewährleistet; mittlerweile geht man beim Präparat von Johnson & Johnson von einer Frist von vier Wochen aus.

Der Fehler war folgenschwer. Kaum öffneten Discos und gab es wieder Studentenpartys, explodierten die Infektionszahlen um bis zu 500 Prozent. Bei Jugendlichen von 18 bis 24 sogar um 850 Prozent. Die Regierung zog die Notbremse. Das Nachtleben stoppte, alle Gaststätten müssen spätestens um Mitternacht schließen.

Und das war der Hauptgrund für die Trendwende, analysiert das Institut für Gesundheit und Umwelt. Zuletzt wurden in einer Woche 21 000 Neuinfektionen registriert, 44 Prozent weniger als in der Vorwoche. Auch die Zahl der Covid-Patienten in Krankenhäusern stabilisiert sich. Vor allem in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren beobachten die Experten drastisch weniger Infektionen. Und die Jugendlichen waren genau diejenigen, die nach Öffnung der Clubs Ende Juni alle Zügel abgestreift hatten. Discos und Studenten-Partys waren in fast 40 Prozent der Fälle die Quelle der Ansteckung. Jetzt sind Gaststätten nur noch für weniger als vier Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

Das Virus ist auf dem Rückzug, stellen die Experten fest, obwohl es bei 92 Prozent der Infektionen um die Deltavariante geht. Der zweite Grund für den rückläufigen Trend ist die gut verlaufende Impfkampagne. 21,3 Millionen Impfdosen wurden im Land mit 17 Millionen Einwohnern bisher gespritzt. Etwa zwei Drittel der Erwachsenen sind voll geimpft, und mehr als 85 Prozent haben zumindest eine Dosis erhalten. „Das sind an sich positive Zahlen“, sagt Ministerpräsident Rutte.

Und doch will er noch keine Entwarnung geben. Die Niederländer müssen ja auch noch aus dem Urlaub zurück-kommen. Schon jetzt gehen zehn Prozent der Infektionen aufs Konto von Heimkehrern. Doch anders als in Deutschland müssen sich Niederländer nur testen lassen, wenn sie aus einem Hochrisikoland zurückkehren. A. BIRSCHEL

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