Kabul/Berlin – Es herrscht eine gespenstische Stimmung in Kabul, berichten Augenzeugen. Wenig Schüsse, kein Krieg, aber viele Menschen auf der Flucht. Regierungsmitarbeiter und Sicherheitsleute haben ihre Uniformen abgeworfen, sie eilen in Zivilkleidung nach Hause zu ihren Familien, verlassen ihre Posten. Viele Menschen versuchen, noch Geld von den Banken abzuheben. Kämpfen gegen die Taliban? Nein, das wolle hier keiner, berichtet ein Reporter der New York Times. Manche haben sogar ihre Waffen liegen lassen.
So fällt am Abend tatsächlich die Hauptstadt Kabul. Taliban rücken ins Zentrum der Macht in Kabul ein. Dutzende bewaffnete Kämpfer der Miliz übernahmen die Kontrolle über den Präsidentenpalast in der afghanischen Hauptstadt, wie auf Fernsehbildern zu sehen war.
Die Welt schaut irritiert, verstört, fassungslos auf das, was sich in Afghanistan gerade abspielt. Binnen weniger Wochen, eigentlich Tage, haben die Taliban die militärische Arbeit des Westens von 20 Jahren rückabgewickelt, zunichte gemacht. Schritt für Schritt nahmen sie eine Provinz nach der anderen ein, immer größere Städte, oft kampflos. Auch Mazar-e-Sharif, wo das deutsche Feldlager stationiert war, ist gefallen. Ende Juni waren die Soldaten da abgezogen. Jetzt fiel auch Kabul.
Am frühen Abend erklärten die Taliban, in mehrere Bezirke Kabuls vorgerückt zu sein, um dort „die Sicherheit zu gewährleisten“. Die Regierung in Kabul, oder was noch davon übrig war, bemühte sich, Panik zu vermeiden – und war doch hilflos. Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal sprach von einer Vereinbarung für einen friedlichen Machtwechsel. Man solle keiner Propaganda anheimfallen. „Die Menschen brauchen sich keine Sorgen zu machen, die Stadt ist sicher.“ Jeder, der Unordnung in der Stadt verursache, werde in Übereinstimmung mit dem Gesetz behandelt.
Wie gering das Vertrauen in diese Sätze zurecht war, zeigte sich vor allem an der Fluchtbewegung. Befürchtet wurde, dass die Hauptstadt in Chaos versinken könnte. In den Außenbezirken waren Menschen zu sehen, die irgendwohin flüchten wollten. Auf der Flucht sind auch die internationalen Sicherheitskräfte, Diplomaten und Helfer. In Rekordzeit versuchen zahlreiche Staaten, ihre Landsleute aus Kabul auszufliegen. Über der US-Botschaft kreisen Helikopter, der schwer gesicherte Flughafen ist wohl der einzige Weg nach draußen.
Und noch einen Flüchtling hat das Land: den Präsidenten. Ashraf Ghani das Land verlassen. Am Abend meldete er sich zu Wort: „Die Taliban haben gesiegt“, schrieb Ghani auf Facebook. Die Islamisten seien nun verantwortlich für „die Ehre, das Eigentum und die Selbsterhaltung ihrer Landsleute“. Er begründete seine Flucht mit der Sorge um die Sicherheit der Bevölkerung in der Hauptstadt. Er sei geflohen, um „eine Flut des Blutvergießens zu verhindern“, erklärte Ghani in seinem Facebook-Post.
Dem 72-Jährigen, der 2014 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, war es nicht gelungen, seine Anti-Taliban-Koalition aus Milizenführern und anderen Regionalfürsten zusammenzuhalten, in einem Land, in dem Stammeszugehörigkeiten und regionale Loyalitäten alles entscheiden. Am Ende siegte der Opportunismus. Die afghanische Armee machte von Beginn der Taliban-Offensive an keinerlei Anstalten zur Gegenwehr. Die 300 000 Mann starke Truppe, die über zwei Jahrzehnte mit Milliarden US-Dollar unterstützt und ausgebildet wurde, ergab sich kampflos, statt für die Regierung in Kabul zu streiten. Hingegen hielten die Taliban, selbst ebenfalls ein lockerer Zusammenschluss lokaler Kommandanten, ihre Männer besser bei der Stange.
Nach Angaben des früheren Präsidenten Hamid Karsai wurde ein Koordinierungsrat für eine friedliche Übergabe der Macht gebildet. Dem Rat gehörten der Vorsitzende des Nationalen Versöhungsrates, Abdullah Abdullah, der ehemalige Kriegsfürst Gulbuddin Hekmatjar und er selbst an.
Was auf das Land nun zukommt, lässt sich nur vage erahnen. Die Rückkehr des Mittelalters? Vor einem Brautkleidergeschäft im Zentrum von Kabul, wo bislang glückliche Frauengesichter von Plakaten lächelten, malten am Sonntag Arbeiter alle Bilder mit weißer Farbe über. In Kandahar spielte die örtliche Radiostation, nun umgetauft in Radio Scharia, keine Musik mehr.