München/Kabul – Das Telefon ist die Verbindung von Benefsha Khurami zu ihrer Schwester. Die lebt in Masar-i-Sharif – und hat jetzt Angst. „Es ist schrecklich. Das größte Leid trifft die Frauen, sie tun mir alle unendlich leid – sie konnten zur Schule gehen, studieren, in guten Berufen arbeiten, aber das ist jetzt alles vorbei“, sagt die 36-Jährige. Sie ist seit sechs Jahren in Deutschland, macht eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und spricht inzwischen sehr gut Deutsch. Es war für sie die richtige Entscheidung, zu gehen – wie richtig, das wird erst jetzt klar, wo die Taliban das Land am Hindukusch wieder erobert haben.
„Ich habe gestern mit mit meiner Schwester gesprochen. Sie ist in großer Angst, und mit ihr 35 Millionen Afghanen“, sagt Benefsha Khurami. Auch die Schwestern ihres Mannes leben in Afghanistan. „Sie sind alle gut ausgebildet und arbeiteten als Ärztinnen. Vor zwei Wochen sind sie nach Kabul geflüchtet und bangen um ihre Zukunft.“
In Afghanistan arbeiteten Benefsha Khurami und ihr Mann für die Hilfsorganisation „Afghan Aid“ – sie besuchten dafür Menschen in abgelegenen Bergdörfern.
Afghanistan ist ein schönes Land, sagt ihre Tochter Beheshta Khurami. Die 15-Jährige träumt noch immer von ihrer Heimat: von dem Sand, den Farben, den Gerüchen. Und denkt an ihre Freundinnen. Daran, wie gefährlich es war, in Afghanistan die Schule zu besuchen: „Wir hatten jeden Tag Angst, dass jemand unser Schulhaus angreift.“ Jetzt, unter den Taliban, werden Mädchen Schulen wohl nicht mehr besuchen dürfen.
Beheshta dagegen besucht ein Gymnasium und will Ärztin werden. Ihr Traum ist es, ein Krankenhaus zu bauen in einer abgelegenen Region in Afghanistan, wo medizinische Hilfe fehlt. Dieses Ziel aber ist seit der Eroberung Afghanistans durch die Taliban nun in weite Ferne gerückt. Denn in Afghanistan ist nichts mehr so wie es war.
In Kabul lehnt Ferdaus Sabur aus Gewohnheit jeden Morgen nach dem Frühstück am Fenster seiner Wohnung in Kabul und sieht dem Treiben auf seiner Straße zu. Dort laufen normalerweise aufgeweckte Schülerinnen in ihren Uniformen auf und ab, Tagelöhner sitzen neben ihren Schubkarren und warten auf Arbeitgeber. Der Verkehr ist dicht und laut. An diesem Montagmorgen aber bietet sich Sabur ein neues Bild: Seine Straße ist menschenleer, nur Kämpfer der Taliban haben Stellung bezogen. Manche haben lange Bärte, manche glatt rasierte Gesichter. Alle tragen Waffen.
Zu kontrollieren gibt es nicht viel. Kaum jemand habe sich auch heute auf die Straße gewagt, sagt Sabur. „Nicht mal Männer haben den Mut, nach draußen zu gehen.“ Praktisch seine gesamte Nachbarschaft halte sich verbarrikadiert. Sie wüssten doch noch von früher, dass ein kleiner Fehler, den man vor Taliban begeht, tödlich sein kann. Die allermeisten Schulen sind am Montag geschlossen. Auch die Geschäfte, Banken oder der Geldwechslermarkt haben zu. Die Islamisten auf Ferdaus Saburs Straße machen derweil Selfies. SUSANNE SASSE, DPA