„Die sicheren Häuser sind nur noch Todesfallen“

von Redaktion

Hunderte deutsche Ortskräfte in Kabul abgetaucht – Taliban versprechen allgemeine Amnestie und Rechte für Frauen

Kabul – Erst am Donnerstag hatte das „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“ Unterkünfte für lokale Helfer von Bundeswehr und Entwicklungsorganisationen eingerichtet, sogenannte „Safe Houses“ – sichere Häuser. Dort sollten sie bleiben, bis der Visa-Prozess abgeschlossen ist. Auch Flugtickets zur Ausreise seien ihnen bezahlt worden, sagte der Leiter des Vereins, Marcus Grotian, gegenüber Medien. Nun aber sind die Taliban da, und viele afghanische Ortskräfte sind abgetaucht.

In Kabul haben offenbar rund 350 Ortskräfte ihre vom Patenschaftsnetzwerk organisierten Sammelunterkünfte geräumt. Das teilte ein ehemaliger Übersetzer der Bundeswehr in Masar-i-Scharif mit. Demnach haben die Ortskräfte eine Anordnung bekommen, ihre drei „Safe Houses“ zu verlassen. Der Übersetzer sagte, sie seien gegen Montagmittag Ortszeit aus den Häusern ausgezogen. Es habe Informationen gegeben, dass die Taliban, die ab Sonntagabend (Ortszeit) im Zuge ihrer faktischen Machtübernahme nach und nach in der Hauptstadt Kabul Positionen und Behörden einnahmen, Häuser durchsuchten. Deswegen habe der Verwalter der „Safe Houses“ gebeten, so schnell wie möglich zu gehen. Nun würden die rund 350 Menschen alle einzeln in Kabul wohnen. Marcus Grotian bestätigte auf seiner Facebook-Seite die Auflösung der sicheren Unterkünfte. „Ich habe die Safe Houses aufgelöst, die nur noch Todesfallen sind.“ Grotian hatte in der Vergangenheit immer wieder die Bundesregierung für ihren Umgang mit ihren einheimischen Helfern in Afghanistan kritisiert. Diese würden unter anderem zu langsam aus dem Land geholt.

Über das soziale Netzwerk „Twitter“ lief gestern ein unbestätigter Bericht eines Bundeswehr-Reservisten, wonach Ortskräfte ihre deutschen Dokumente verbrennen würden, „damit man ihnen nichts nachweisen kann. Bisher haben die Ortskräfte der Deutschen die Papiere wie Schätze gehütet, weil sie die einzige Chance auf ein Visum für Deutschland bedeuten“, schreibt er. „Jetzt ist die Verzweiflung so groß, dass viele keine Hoffnung mehr haben.“

Die Taliban wiederum versuchen, zu deeskalieren. Am späten Nachmittag garantierten sie bei einer von Al-Dschasira übertragenen Pressekonferenz eine weitreichende Amnestie für Regierungsmitarbeiter, afghanische Soldaten sowie Ortskräfte der internationalen Truppen. Die Taliban wollten keine Rache, sagte der Sprecher der radikal-islamischen Gruppe, Sabihullah Mudschahid. Zudem könnten internationale Hilfsorganisationen ihre Arbeit in Afghanistan fortsetzen. Mudschahid versprach auch den Botschaftsmitarbeitern und der Bevölkerung Kabuls umfassende Sicherheit. „Wir werden niemanden verletzen.“ Übersetzer und Ortskräfte, die für ausländische Medien und Streitkräfte gearbeitet hatten, sollten im Land bleiben. „Wir haben eine gemeinsame Heimat, eine gemeinsame Religion“, sagte Mudschahid, der erstmals seit zwei Jahrzehnten bei einem öffentlichen Auftritt sein Gesicht zeigte.

Mit Blick auf Frauenrechte sagte Mudschahid, sie würden innerhalb des Rahmens der Scharia geachtet. Frauen und Mädchen dürften weiter studieren, arbeiten und am öffentlichen Leben teilnehmen, etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen.

Wie verlässlich die Versprechen sind, ist unklar. Zuletzt hatten sich Berichte über Menschenrechtsverbrechen in den von den Taliban kontrollierten Gebieten gehäuft. dpa, wha, oy

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