Kabul/München – Gestern Nachmittag kam die Bestätigung der Bundeswehr: Eine zweite Maschine mit 125 Menschen aus Afghanistan an Bord sei in Taschkent im Nachbarland Usbekistan gelandet. An Bord laut Verteidigungsministerium „deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sowie weitere zu Schützende“. Außenminister Heiko Maas (SPD) schrieb: „Die Luftbrücke ist angelaufen und wird intensiv fortgesetzt, sofern die Sicherheitslage dies irgendwie zulässt.“
Die Sicherheitslage ist ein Problem. Am Montag herrschte am Flughafen in Kabul Chaos. Tausende Afghanen hatten den Flughafen gestürmt und versuchten, in eine Maschine zu gelangen. Die USA schickte weitere Streitkräfte. Gestern waren 4000 US-Soldaten vor Ort, weitere 2000 sollen folgen.
Experte: „Es geht jetzt primär um Deutsche“
Die Soldaten brachten den Flughafen gestern soweit unter Kontrolle, dass wieder geflogen werden konnte. In der Nacht zum Dienstag musste eine erste Bundeswehr-Maschine wegen der Sicherheitslage noch mit lediglich sieben Passagieren abheben – fünf Deutschen, einem Europäer und einem Afghanen aus Kabul. Der Transportflieger vom Typ A400M war zuvor fünf Stunden lang unter Benzinnot über dem Flughafen Kabul gekreist, weil das Rollfeld gesperrt war. Am Dienstagabend konnte dann laut Maas wieder eine Bundeswehr-Maschine mit 139 Menschen an Bord Kabul verlassen. Für 41 weitere Personen, die sich bereits im Flughafen befänden, stünden weitere Flieger bereit.
Laut Bund stehen noch 10 000 Menschen zur Evakuierung an, darunter viele afghanische Helfer mit ihren Familien. Doch die Taliban wollen bislang offenbar nur noch Ausländer mit ausländischem Pass zum Flughafen durchlassen.
Marcus Grotian, Leiter des „Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte“, schätzt die Lage der Ortskräfte als „sehr bitter“ ein. Ihn erreichten täglich 400 bis 500 Nachrichten von Ortskräften, „denen wir nicht mehr helfen können“, sagte er im ZDF. Es sei nicht realistisch, dass diese jetzt noch aus Afghanistan geholt werden könnten. Hunderte deutsche Ortskräfte mussten aus ihren Sammelunterkünften in Kabul untertauchen (siehe Artikel unten). „Dass wir an diesen Punkt kommen, wo wir keine Antworten mehr haben und den Leuten sagen ,Viel Glück‘, das haben wir immer befürchtet, wir haben es angemahnt, dass es passieren könnte, wir haben Lösungen aufgezeigt, die keiner hören wollte. Und nun lassen wir 80 Prozent unserer Ortskräfte und ihre Familien in die Hände der Taliban fallen“, sagte Grotian.
Heiko Maas: Lage für Ortskräfte „gefährlich“
Dass die Fallschirmjäger Ortskräfte zum Flughafen bringen können, diese Möglichkeit schätzt auch Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Bundeswehr-Universität München, als sehr gering ein. Die Taliban hätten einen Ring um den Flughafen gezogen und eine klare Linie: Ausländer dürfen raus, Einheimische nicht. „Es geht jetzt primär um Deutsche“, sagte Masala unserer Zeitung gestern. Wie die Operation genau abläuft, könne man nicht sagen. Vermutlich gebe es Sammelpunkte in Kabul, von wo die Fallschirmjäger die zu Evakuierenden einsammeln und an den Taliban vorbei zum Flughafen bringen. „Das ist eine sehr risikoreiche Aktion.“ Der Erfolg hänge auch von den USA ab. Die US-Regierung habe zwar angekündigt, noch zwei Wochen am Flughafen zu bleiben, ob das so komme, sei aber unsicher. „Wenn es so ist, gibt es noch viel Zeit, viele Leute rauszubringen. Wenn nicht, wird es sehr extrem. Denn ohne die Amerikaner ist die Sicherheitslage unkontrollierbar“, sagte Masala.
Auch die Einschätzung des Verteidigungsministeriums nährt die Zweifel. „Mit der Abriegelung des Flughafens ermöglichen die Taliban den internationalen Kräften zunehmend, einen geordneten Flugverkehr zur Evakuierung ihrer Staatsangehörigen einzurichten“, heißt es in dem internen Papier von gestern. „Gleichzeitig wird jedoch (…) eine Evakuierung ehemaliger AFG (afghanischer) Ortskräfte erschwert.“ Außenminister Maas räumte bezüglich der Ortskräfte ein: „Für die ist die Lage deutlich gefährlicher, weil es die Zusage, an den entsprechenden Kontrollpunkten der Taliban durchgelassen zu werden, nicht gibt.“ Darüber sollen nun deutsche Diplomaten in Katar direkt mit den Taliban verhandeln, sagte Maas am Dienstagabend.
Die Lage in Afghanistan schreibt gerade viele schicksalhafte Geschichten. Eine ist die von Naim Muradi, 32. Er lebt seit 25 Jahren in Weilheim, hat einen deutschen Pass. Vergangenen Herbst ging er für die Bundeswehr nach Afghanistan, sein Geburtsland. Muradi arbeitete an einem deutschen Stützpunkt, kümmerte sich um die sanitären Anlagen. Ende Juli flog er aber nicht mit den Soldaten zurück, sondern besuchte seine Frau Adena in Kabul, die er vergangenes Jahr aus der Ferne geheiratet hatte und nicht in Kabul zurücklassen will, wie Freunde aus Weilheim erzählen. Der Versuch, sich zum Flughafen durchzuschlagen, sei misslungen. Die Freunde haben Naim Muradi am Handy erreicht und hoffen, dass er es in einen der Flieger schafft.