Kabul – Verzweifelte Familien, von Soldaten abgewiesene Ortskräfte und Tote vor den Toren des Airports: Die Situation am Flughafen von Kabul wird immer dramatischer. Es werde weiter daran gearbeitet, so viele Schutzbedürftige „wie möglich“ aus Afghanistan zu retten, versicherte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) am Wochenende. Doch die Zeit läuft davon. Denn die US-Evakuierungsmission soll am 31. August enden – und die EU sieht sich nicht in der Lage, den Flughafen alleine zu halten (siehe auch „In Kürze“ rechts).
Ein Journalist, der in einem Konvoi zum Flughafen gebracht wurde, beschreibt dramatische Szenen in der Stadt. Um den Bus habe sich eine riesige Menschentraube gebildet. „Sie haben uns ihre Pässe gezeigt und gerufen: ,Nehmt uns mit, bitte nehmt uns mit‘.“ Ein Mann sei mit Frau und Kind an sein Fenster gekommen, habe seinen Reisepass hochgehalten, berichtet der Journalist. „Ich habe ein britisches Visum, komme aber nicht rein“, habe der Mann gerufen. Taliban-Kämpfer hätten Schüsse in die Luft abgegeben, um die Menschen auseinanderzutreiben.
Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums starben mindestens sieben Menschen in der Menge vor dem Flughafen. Auf Videos sind drei in weiße Planen gehüllte Leichen zu sehen. Ein britischer Reporter sagte, Menschen würden in der Masse vor dem Flughafen erdrückt. Viele seien dehydriert, die Angst sei groß. Berichten zufolge werden ausreisewillige Afghanen immer wieder von Taliban-Kämpfern misshandelt oder sogar festgenommen. Einem US-Regierungsvertreter zufolge werden auch Anschläge der Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) befürchtet.
Die Taliban erklärten am Sonntag, eine „Arbeitsbeziehung“ mit den USA bezüglich der Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen zu haben. Man stehe in ständigem Kontakt mit den US-Streitkräften, die die Posten im Flughafen kontrollierten. Die Posten außerhalb des Flughafens seien unter Kontrolle der Taliban. afp