Dritte Impfung – Was sie kann, wer sie bekommt

von Redaktion

VON TOM NEBE

Für wen ist die Drittimpfung gedacht?

Insbesondere für vulnerable Gruppen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Das sind Menschen über 80 Jahre oder mit einer Immunschwäche oder bestimmten Vorerkrankungen. Ihnen soll eine Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech oder Moderna) angeboten werden – unabhängig vom Impfstoff, den sie davor bekommen haben. Zwischen der Zweitimpfung und der Auffrischung sollten mindestens sechs Monate liegen.

Doch nicht nur sie können sich laut dem Beschluss der Gesundheitsminister der Länder einen dritten Pieks holen. Auch wer bei der ersten Impfserie zweimal Astrazeneca oder einmal Johnson & Johnson erhalten hat, soll eine Auffrischung angeboten bekommen – allerdings hängt das vom Bundesland ab. In Baden-Württemberg und Bremen etwa sind jüngere, immungesunde Menschen erst mal außen vor, egal, welche Impfkombination sie hatten.

Bayern hat schon Mitte August begonnen, Drittimpfungen an Menschen aus Risikogruppen zu verabreichen. Wie viele Menschen bereits drittgeimpft wurden, konnte das Landesamt für Gesundheit auf Anfrage unserer Zeitung nicht mitteilen.

Wer eine Kreuzimpfung aus Astrazeneca und Biontech/Moderna oder eine reine mRNA-Impfung hat, steht laut dem Beschluss der Gesundheitsminister bis auf Weiteres nicht für eine Auffrischungsimpfung an.

Wo gibt es die Auffrischungsimpfung?

Laut dem Beschluss soll es die dritte Spritze bei niedergelassenen Ärzten, in Impfzentren oder im Betrieb geben können. Mobile Impfteams versorgen Pflegeeinrichtungen. Auch hier ist die Praxis Ländersache.

Warum wird Risikogruppen eine Drittimpfung nahegelegt?

Weil sie mit der ersten Impfserie häufig keine oder eine nur vergleichsweise geringe Immunität aufgebaut haben – zum Beispiel Personen mit geschwächtem Immunsystem. „Da wissen wir, dass ihr Körper zum Teil gar nicht auf die beiden Impfungen re- agiert hat. Der muss mitunter erst mal dahin gebracht werden, dass sich überhaupt Antikörper entwickeln“, sagt Professor Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Womöglich brauchen sie dafür sogar nicht nur eine dritte, sondern auch noch eine vierte Impfung.

Wieso sollten Menschen über 80 Jahre eine Auffrischung bekommen?

Unter den Hochbetagten habe ein Großteil zwar auf die Impfungen reagiert, sagt Watzl, aber eben weniger stark. Das bedeutet, dass ihr Immunschutz gegen das Virus oft weniger gut ist. Und er nimmt auch schneller ab als bei Jüngeren. „Die Auffrischungsimpfung bei Älteren ist sehr sinnvoll“, sagt auch Anja Kwetkar, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Uniklinikum Jena. Das betreffe auch Rheuma- oder Dialysepatienten.

Warum werden die Auffrischungen gerade jetzt großflächig angeboten?

Da vulnerable Gruppen Anfang des Jahres als erste geimpft wurden, sei angesichts steigender Infektionszahlen neuer Schutz für den Herbst und Winter wichtig, sagt Watzl. Zwar ist bei sogenannten Impfdurchbrüchen, also wenn Geimpfte sich anstecken, die Gefahr schwerer Verläufe auch für Risikogruppen geringer, sie besteht aber – und steigt mit abnehmendem Impfschutz. Zudem senkt die Drittimpfung das Risiko, andere anzustecken.

Hat sich die Ständige Impfkommission positioniert?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) hat noch keine Empfehlung ausgesprochen und wird das laut RKI wohl auch nicht vor Ende September tun können.

Helfen Antikörpertests bei der Impfentscheidung?

Manche Experten fordern, zunächst einen Antikörpertest zu machen. So sehe man, wie gut die Person geschützt ist und ob die dritte Spritze überhaupt nötig ist. Laut Watzl gibt es dabei aber ein Problem: Es fehle ein konkreter Grenzwert bei der Antikörperkonzentration im Blut, ab dem man sicher sagen könne, dass noch ein wirksamer Schutz besteht. Bei einem Wert von 500 BAU/ml (BAU steht für Binding Antibody Units) würde er sagen: „Wahrscheinlich sind Sie noch gut geschützt, aber ob es ausreichend ist: gute Frage.“ Es gebe einen großen Bereich, in dem man nicht seriös sagen könne, wie gut der Schutz ist. Deshalb ergebe so ein Test zur Abschätzung der Sinnhaftigkeit der Auffrischung für viele keinen Sinn. Ausnahmen gibt es aber: Menschen mit Immunschwäche etwa können sehen, ob eine Impfung überhaupt angeschlagen hat.

Ist eine Auffrischung für alle sinnvoll?

Hier gibt es geteilte Meinungen. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hält eine Auffrischung bei alten Menschen sowie bestimmten Risikopatienten für sinnvoll, nicht aber für alle. „Die Schutzwirkung der Corona-Vakzine ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen“, sagte Drosten jüngst. Watzl wiederum sagt: Eine dritte Impfung für alle mit sechs bis acht Monaten Abstand zur vorherigen Impfserie ergebe aus immunologischer Sicht absolut Sinn. Das Immunsystem verbessere die Immunantwort, wenn es immer wieder auf den gleichen Erreger trifft. „Die Antikörper werden nicht nur verstärkt gebildet, sie passen sich auch besser an den Erreger an“, sagt Watzl. Außerdem bildeten sich mehr Gedächtniszellen. Diese Zellen merken sich den Erreger und sorgen dafür, dass der Körper rasch Antikörper bildet, wenn man sich infiziert.

Warum bekommen dann nicht alle eine Auffrischung angeboten?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erwägt das erst in einem zweiten Schritt, nachdem die Risikogruppen versorgt sind. Auch ethische Überlegungen spielen eine Rolle: Ist es vertretbar, immungesunden Mittdreißigern, die voll geimpft sind, eine Auffrischung zu geben, während in anderen, ärmeren Ländern viele Ältere, Geschwächte und Mediziner noch ungeschützt sind? Auch Virologen, zum Beispiel der Princeton University und der McGill University, argumentieren so: Länder, die Impfstoff für Auffrischungen horten, könnten die Entwicklung von Varianten andernorts ungewollt vorantreiben.

Spahn wies zuletzt darauf hin, dass alle für Deutschland noch ausstehenden Astrazeneca-Lieferungen an die internationale Impfstoffinitiative Covax gingen. Sein Ziel sei beides: Auffrischungen zu gewährleisten und ärmeren Staaten Impfstoff zu spenden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kritisiert die Pläne für Auffrischungen bei Gesunden.

Watzl spricht von einem „ethischen Dilemma“: Ehe Impfstoff liegen bleibt, nutze man ihn zwar lieber für Auffrischungen auch bei immungesunden Jüngeren. „Aber wenn man ihn in andere Länder schicken könnte, wo er dringender benötigt wird, wäre er dort sicher besser aufgehoben.“

Warum wird nur mRNA-Impfstoff für die Auffrischung genommen?

Erste Spritze mit dem Vektor-Impfstoff von Astrazeneca, zweite Spritze mit Biontech oder Moderna (mRNA): Diese Kombination bietet laut Watzl bisher den besten Schutz, weil das Immunsystem auf unterschiedliche Arten eine Immunität aufbauen kann. Der Vektor-Impfstoff legt eine Grundlage, auf der der mRNA-Impfstoff aufbaut. „Das funktioniert aber nur in dieser Reihenfolge und nicht umgekehrt“, sagt Watzl. Wer also schon zweimal mit Biontech oder Moderna geimpft wurde, dem würde eine dritte Impfung mit einem Vektor-Impfstoff nicht so viel bringen wie eine dritte mRNA-Impfung.

Wer hingegen bisher nur zweimal Astrazeneca oder einmal Johnson & Johnson bekommen hat, erhält durch die dritte Impfung mit dem mRNA-Impfstoff laut Immunologe Watzl „wahrscheinlich einen tollen Schutz“.

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