Die Stimme Griechenlands ist verstummt

von Redaktion

VON ZORAN GOJIC

München/Athen – „Ich hatte das zweifelhafte Glück, dank des Alexis Sorbas wahnsinnig bekannt zu werden. Aber was nützt mir das? Viele Menschen glauben tatsächlich, ich hätte nur Sorbas geschrieben, das ist lächerlich.“ Noch 2010 regt sich Mikis Theodorakis darüber auf, dass die zirpenden Töne der Bouzouki aus dem Jahr 1964 sein Image bestimmen. Sogar die Beatles greifen das Motiv in ihrem Lied „Girl“ auf. Was als Hommage gedacht ist, empfindet Theodorakis als Ignoranz. Ein vom Choreographen Giorgos Provias für den Film erfundener „Volkstanz“, der so simpel ist, dass ihn auch Tanz-Antitalent und Hauptdarsteller Anthony Quinn darbieten kann, zementiert das Klischee: einfache Melodie, einfache Schritte, so ist er halt der Grieche. Er macht es sich leicht, auch wenn alles um ihn herum zusammenkracht.

Dieses romantisierende Bild nervte Theodorakis. Aufträge für Filmmusik nahm der studierte Klassikkomponist und Beethoven-Verehrer nur des Geldes wegen an. „Ich wollte von meiner Musik leben können, darum habe ich ab 1958 viel Filmmusik geschrieben.“ Seine erste Leidenschaft sind Kunstlieder, die niemand hören will und nicht aufgeführt werden können – erst wegen des Weltkriegs, dann wegen des nahtlos folgenden Bürgerkriegs.

Immer wieder wird Theodorakis gefoltert

Dass er überhaupt Zeit zum Komponieren findet, grenzt an ein Wunder. Der junge Theodorakis, glühender Kommunist, engagiert sich sofort nach der deutschen Besetzung Griechenlands im Widerstand, wird gefasst, immer wieder gefoltert. Er wandert durch Lager und es gibt kein Foto aus jener Zeit, in der nicht ein Teil seines Körpers bandagiert ist. Das Elend geht im Bürgerkrieg weiter. Verfolgung, Gefangenschaft, Folter. Schließlich setzt sich Theodorakis, auch seiner jungen Ehe zuliebe, nach Paris ab. In Frankreich macht er sich ab 1954 mit modernen symphonischen Werken einen Namen, bleibt aber herzlich arm.

Erst mit der Filmmusik und der Rückkehr nach Griechenland 1960 kommt der Erfolg. Der „Kreter, Grieche und Europäer“ (genau in dieser Reihenfolge) widmet sich nun der einheimischen Musik, rettet traditionelle Klänge vor dem Versinken in Belanglosigkeit und – das ist sein großer Triumph – vor der Vereinnahmung von stramm rechten Faschisten-Nostalgikern, die nebulös von irgendeiner alten Pracht und Herrlichkeit faseln. Konkret ist nur ihr Hass auf alle, die das infrage stellen. So avanciert Theodorakis schnell zum Feindbild der reaktionären Kreise.

Als sich diese am 21. April 1967 in Griechenland mithilfe des Militärs an die Macht putschen, erscheint noch am selben Tag ein Erlass, der allein Mikis Theodorakis gewidmet ist: „1. Wir haben beschlossen und befehlen: Es ist im ganzen Land verboten, Musik und Lieder des Komponisten Mikis Theodorakis zu verbreiten oder zu spielen. 2. Die Bürger, die dieser Bekanntmachung zuwiderhandeln, sind sofort vor ein Sondergericht zu stellen.“

„Nur wer selber Grieche ist, vermag zu erfassen, was dieses Verbot bedeutete“, sagt später die berühmte Schauspielerin Melina Mercouri. „Ich erinnere mich an keinen einzigen Tag in Griechenland, an dem ich nicht Musik von Mikis gehört hätte. Seine Musik gehörte zu unserem täglichen Leben. Die Allergie der Obristen war begreiflich.“

Theodorakis versucht unterzutauchen, aber für einen 1,95-Meter-Lulatsch, dessen Gesicht jeder kennt, ist das auf Dauer nicht zu schaffen. Wieder kommt er in Haft, wieder wird er misshandelt, wieder bleibt er standhaft und verrät niemanden. Dass ihn nun keine Deutschen oder Italiener quälen, sondern Landsleute, befreit ihn von verklärenden patriotischen Aufwallungen. Er beklagt sein Schicksal nicht, versucht es positiv für sich und sein Schaffen zu deuten. „Ich denke nicht, dass ich meine Musik schreiben musste, weil ich all diese Erfahrungen gemacht habe, sondern, dass ich, um diese Musik schreiben zu können, diese Erfahrungen machen musste.“

Ohne es zu ahnen oder zu beabsichtigen, wird Theodorakis zum Symbol des Widerstands gegen die rechte Junta. Nicht nur in Griechenland, sondern in der ganzen Welt. Die Obristen haben sich den falschen Staatsfeind ausgesucht, diesen sturen Kreter kriegen sie nicht klein. 1970 wird der schwer erkrankte Theodorakis auf internationalen Druck nach Frankreich abgeschoben, aber er setzt seinen Kampf gegen die Junta unbeeindruckt fort. Manisch gibt er auf der ganzen Welt gefeierte Konzerte, die er als Kundgebungen gegen die Diktatur nutzt. Bei der Gelegenheit trifft er sich mit Staats- und Regierungschefs, fast als wäre er eine Art Ein-Mann-Exilregierung. 1974 treten die rechten Obristen ab. Theodorakis ist jetzt nicht nur der Lieblingskomponist der Griechen, er ist ein Volksheld epischen Ausmaßes.

Seine Musik verändert die Sicht auf die Welt

Sein Glaube an einen Neubeginn wird freilich bald erschüttert. Groteske Flügelkämpfe innerhalb der Linken und das Unverständnis dafür, dass Theodorakis es vernünftig findet, auch bürgerliche Kräfte einzubinden, zermürben den Meister und treiben ihn zunehmend in die politische Isolation. Theodorakis sympathisiert gelegentlich mit den Konservativen, wenn es ihm vernünftig erscheint, bleibt aber ein Leben lang linken Idealen verbunden.

Bis ins hohe Alter beobachtet und kommentiert er unermüdlich das politische Geschehen, argumentiert immer aus der Perspektive derer, die es ohnehin schwer haben. Dafür lieben sie ihren Mikis in Griechenland. Musikalisch wendet er sich im Alter wieder klassischen Symphonien und dann auch Opern zu. Je älter er wird, desto dringlicher wird sein Wunsch, all die Eindrücke und Empfindungen aus Kindheitstagen in Melodien zu gießen. Mit Heimat verbindet er vor allem das Meer. Als 85-Jähriger erinnert er sich: „Das, was mich damals am meisten beeindruckte, war das blaue Meer. Noch heute versuche ich, den Eindruck jener unfassbaren Schönheit, die sich damals in meine kindliche Seele ergoss, musikalisch festzuhalten.“

Es lohnt sich, sich mit dem Werk von Theodorakis zu befassen. Wer sich sein vielleicht wichtigstes Werk, die „Mauthausen-Kantate“ vornimmt, der kann die Welt danach nicht mehr so betrachten wie zuvor. Man versteht fast, weshalb die engstirnigen Obristen sich derart vor Theodorakis fürchteten. Die Musik dieses Mannes ist in der Lage, einen Menschen zutiefst zu bewegen, zu erschüttern, womöglich sogar zu verändern.

Über viele Komponisten kann man das nicht sagen, und Theodorakis ist wohl auch deshalb trotz vieler Enttäuschungen in seinem langen Leben ohne Groll gegangen. „So kann ich letztendlich sagen, dass ich durch meine untrennbare Verbundenheit mit der Musik im tiefsten Inneren immer glücklich war.“

Am Donnerstag ist er mit 96 Jahren in seinem Haus in Athen gestorben. Vermeldet hat dies, darunter geht es bei dem Mann nicht, das Kultusministerium Griechenlands. Kultusministerin Lina Mendoni teilte mit, Griechenland habe ein Stück seiner Seele verloren. Man könnte auch sagen: Das Herz Griechenlands hat aufgehört zu schlagen.

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