Ein Stück griechische Heimat im fernen München

von Redaktion

Die Musik von Mikis Theodorakis war für Millionen Griechen in aller Welt das Band nach Hellas – auch für meinen Vater

München – Wer die Seele Griechenlands spüren will, muss sich nicht in den Flieger nach Athen oder Thessaloniki oder Kreta setzen. Es genügt, die Musik von Mikis Theodorakis zu hören. Wer den schwermütigen Klängen der Bouzouki lauscht und dabei die Augen schließt, sieht vor sich das blaue Meer, riecht den betörenden Duft von Majoran und Oregano und wird vom unvergleichlichen Licht der Ägäis umfangen. Millionen Griechen, die in den 60er- und 70er-Jahren mit schwerem Herzen ihr Land verließen, um anderswo ihr Glück zu suchen, erging es so. Die Musik von Theodorakis war für sie ein Stück Heimat, das sie immer im Herzen trugen, wohin das Schicksal sie auch verschlagen hatte. Auch meinem 1962 Mitte zwanzigjährig nach Deutschland emigrierten Vater ging es so. Im von den Nachwirkungen des Bürgerkriegs gebeutelten Land hatte er  für sich keine Zukunft gesehen, weil die rechtsgerichtete Regierung die Familien ehemaliger Partisanen mit Berufs- und Studienverboten schikanierte.

Es ist über 50 Jahre her, aber ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, an das alte Tonbandgerät, dessen Spulen sich jeden Abend zu drehen begannen, wenn er müde von der Arbeit heimkam. Dann erklang oft Theodorakis’ herzzerreißendes Lied „Sto perigiali to kryfo“ (An einem geheimen Strand), das in seiner grenzenlosen Melancholie vielleicht griechischste aller Lieder, das zur Hymne der Widerstandsbewegung gegen die Militärdiktatur in Athen geworden war.

Ich konnte es schon als Kind mitsummen, lange bevor die vor Kurzem verstorbene Sängerin Milva es unter dem Titel „Zusammenleben“ auch einem breiten deutschen Publikum bekannt machte. Und natürlich kannte ich auch Theodorakis’ „Kaimos“ schon längst, als Vicky Leandros auf Deutsch sehnsuchtsvoll „Ich hab die Liebe gesehn“ sang.

Theodorakis, der größte Sohn des modernen Griechenlands, gab vielen seiner ins Exil emigrierten Landsleute so ihren Stolz zurück und die Hoffnung, einst in die ferne Heimat zurückkehren zu können. 1974 schließlich stürzte das Athener Obristen-Regime, nachdem es bei der Niederschlagung von Studentenprotesten am Athener Polytechnio 23 Tote gegeben hatte.

Mein Vater kehrte erst 20 Jahre später, als auch das Jüngste von uns drei Kindern erwachsen war, aus der Wahlheimat München in sein heiß geliebtes Griechenland und sein Häuschen am Meer zurück. Am 4. August dieses Jahres schloss er dort für immer die Augen. Mikis Theodorakis hat ihn um vier Wochen überlebt. GEORG ANASTASIADIS

Artikel 3 von 4