E-Scooter: Klimaretter oder Spaßmobil?

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

München – Leonie und Anna düsen mit ihren E-Scootern Richtung Odeonsplatz. Anna schaut auf ihr Handy-Navi. Ziel: Kleinhesseloher See. „Da kann man Tretboot fahren“, sagt sie. Die jungen Frauen aus Landau in der Pfalz sind vor drei Tagen nach München gekommen. „Seit wir hier sind, fahren wir jeden Tag mit E-Scootern“, sagt Leonie. „Das ist total praktisch. So können wir viel mehr von der Stadt sehen.“

An diesem Tag macht die Fahrt besonders Spaß. Die Sonne scheint. „Wir sind hier in München das erste Mal mit E-Scootern unterwegs“, erzählt Anna. „Und es ist mega. Wir sind zwar mit dem Auto da, aber mit den wenigen Parkmöglichkeiten und den vielen Staus sind wir so viel schneller.“ Daheim würden sie nicht unbedingt E-Scooter fahren. „Ne, das ist für uns eher ein Touri-Ding.“

Oft parken die Roller kreuz und quer

Als „Touri-Ding“ waren die batteriebetriebenen Flitzer nicht gedacht, als sie im Juni 2019 auf den Straßen zugelassen wurden. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) pries sie vielmehr als „echte zusätzliche Alternative zum Auto“ an. Sie könnten vor allem für die „letzte Meile“, etwa von der U-Bahn nach Hause, genutzt werden.

Jetzt, zwei Jahre später, stellen das viele infrage. Immer wieder gibt es Beschwerden über kreuz und quer geparkte Roller auf Gehwegen. Sehbehindertenvereine beklagen sie als gefährliche Stolperfallen. Der Verein Isarfischer zieht immer wieder E-Scooter ehrenamtlich aus der Isar. Und nachts, wenn die letzte U-Bahn abgefahren ist, sieht man sie öfter: Junge Leute auf Rollern, die nicht mehr ganz die Linie halten. Oft sogar mit Beifahrer.

Nachmittags am Odeonsplatz ist das aber nicht die Regel. Geschäftsmänner in Anzügen flitzen in Richtung Hofgarten. An drei verschiedenen Stellen rund um die U-Bahn-Haltestellen geben Menschen gesammelt ihre Leihfahrzeuge ab. Stationen speziell für Roller gibt es da nicht. Freie Platzwahl.

Das Umweltbundesamt sieht E-Scooter kritisch

Ray Zhang, 30, quert mit einem Roller der Marke „Tier“ die Straße. Der Hamburger ist in München zu Besuch bei Freunden. „Eigentlich fahre ich selten E-Scooter“, sagt er. „Aber als die Sonne rauskam, dachte ich mir: Damit kann ich die Stadt gut erkunden.“

Zhang hat einen Tagestarif für zehn Euro abgeschlossen. „Das finde ich ziemlich günstig.“ Sonst zahlt man bei den meisten Anbietern einen Euro fürs Entsperren, dazu kommen 15 bis 25 Cent die Minute fürs Fahren. „Praktisch sind sie auf jeden Fall“, sagt Zhang. „Vor allem, wenn es gerade keine gute Bus- oder Bahnverbindung gibt. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es mit der Umweltbilanz aussieht.“

Das Umweltbundesamt hat dazu eine klare Meinung: „Nach unserer Auffassung leisten E-Scooter momentan noch keinen Beitrag zur Verkehrswende“, sagt Miriam Dross. Sie leitet das Fachgebiet „Nachhaltige Mobilität in Stadt und Land“. Allerdings könnten E-Scooter durchaus zu einer klimafreundlichen Mobilität beitragen – sofern sie Autofahrten ersetzen. „Dazu fehlen noch verlässliche, unabhängigen Studien“, sagt Dross. Aber selbst Scooter-Anbieter würden zugeben, dass die meisten Roller-Fahrten noch keine Autofahrten ersetzen. Und fest steht: „E-Scooter bieten keinen Mehrwert, wenn sie Fuß-, Rad- oder U-Bahnwege ersetzen.”

Denn bei der Klimabilanz spielen die Akkus eine große Rolle. „Grundsätzlich handelt es sich um Lithium-Ionen-Akkus“, sagt Dross, „und die enthalten Rohstoffe, deren Abbau für die menschliche Gesundheit und die Umwelt belastend ist.“ Immerhin habe sich die Lebensdauer der Roller seit ihrer Zulassung bei vielen Anbietern verlängert, weil die Fahrzeuge immer robuster werden. Einige hätten auch auf auswechselbare Akkus umgestellt. „Das heißt, man muss nicht mit einem Dieseltransporter alle E-Scooter abholen und wieder verteilen, um Akkus zu laden.“ Noch besser sei es, wenn Roller an Ladestationen abgegeben würden, findet Dross – auch für das Stadtbild.

Anbieter: Stoßzeiten im Pendlerverkehr

Auch Andreas Schuster vom Münchner Verein „Green City“ sieht E-Roller skeptisch. „Wir glauben, dass Menschen, die die letzte Meile nicht zurücklegen können, etwa wegen Mobilitätseinschränkungen, eher nicht auf E-Scooter steigen“, sagt er. Stattdessen würden sich vor allem Touristen und junge Leute die Roller ausleihen. „Ich sehe den Beitrag zur Verkehrswende sehr gering. Es ist nun mal auch ein Verschleißgegenstand, der Energie verbraucht.“

Laut Mobilitätsreferat sind, Stand Mai, 9600 E-Roller von sechs verschiedenen Anbietern in München unterwegs. In den vergangenen Monaten dürften noch einige hinzugekommen sein. Caspar Spinnen vom Anbieter „Voi“ sagt, die Nachfrage habe in den letzten Wochen zugenommen. „Der Durchschnitts-Nutzer fährt eine Strecke von zwei bis drei Kilometern“, sagt er. Mittlerweile seien es sogar eher drei bis vier.

Spinnen glaubt nicht, dass die Roller hauptsächlich als „Spaßmobile“ genutzt würden. „Unsere Stoßzeiten liegen im morgendlichen und abendlichen Pendlerverkehr“, sagt er. Und: Die meisten Strecken würden am Hauptbahnhof starten oder enden. „Das spricht dafür, dass unsere E-Scooter gern von berufstätigen Pendlern genutzt werden.“ Touristen würden einen kleineren Anteil der Nutzer ausmachen, „als generell angenommen wird“. Im Jahr 2020 sei die Zahl der Fahrten stark gestiegen, obwohl Tourismus nur eingeschränkt möglich war. Man arbeite kontinuierlich an der Umweltfreundlichkeit, etwa durch austauschbare Komponenten und die Zusammenarbeit mit professionellen Recyclingpartnern. „Außerdem entwickeln wir in München einen Reaktionstest, der in den Abendstunden aktiv ist und vor Beginn der Fahrt absolviert wird“, sagt Spinnen. So will Voi Betrunkene vom Fahren abhalten.

Polizei erwischt immer wieder Betrunkene

„Die Zahl der Trunkenheitsfahrten ist bei E-Scootern nicht gering“, sagt Ulrich Meyer-Arend von der Münchner Polizei. Mehr als 3600 habe die Polizei seit Juni 2019 registriert. „Das sind die, bei denen es zu keinem Unfall kam. Dazu kommen noch 63 Unfälle, bei denen der Rollerfahrer alkoholisiert war.” Insgesamt habe es seit der Zulassung 379 Unfälle gegeben. „Was uns auffällt: Es gibt eine hohe Zahl an Unfällen, an denen nur der Fahrer selbst beteiligt war.“ 170 sogenannte Alleinunfälle wurden registriert. Auffällig sei auch, dass es bei den Unfällen oft zu Verletzungen am Kopf und am Oberkörper komme. „Man könnte darüber diskutieren, ob eine Prüfbescheinigung oder eine Helmpflicht sinnvoll wäre“, sagt Meyer-Arend.

Leander, 14, trägt freiwillig einen Helm. „Wir machen heute eine Stadtrundfahrt, weil Leander so gern Roller fährt“, sagt Vater Clemens. „Wir wohnen etwas außerhalb von München und haben festgestellt, dass Leander viele Plätze in der Stadt noch gar nicht kennt.“ An diesem Tag sind sie als Touristen in der Heimat unterwegs. An anderen Tagen nutzt Clemens S. E-Scooter aber eher beruflich. „Ich arbeite an der Uni, und die hat viele Gebäude im ganzen Viertel verteilt – für mich ist das sehr nützlich, wenn ich es eilig habe“, sagt er. „Aber wenn ich ehrlich bin: Eigentlich ist es einfach nur Faulheit – ich könnte ja auch mit dem Rad fahren.“ Vielleicht machen die E-Flitzer einfach mehr Spaß.

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