München – Wäre die Bayern-SPD eine Aktie, dann hätte sie in den letzten zwei Monaten viele Menschen reich gemacht. Laut aktuellem Bayerntrend des BR-Magazins „Kontrovers“ wollen inzwischen 18 Prozent der Wahlberechtigten im Freistaat die Partei bei der Bundestagswahl wählen. Das ist eine sagenhafte Auferstehung, vor Kurzem waren es nur neun Prozent. Damit springen die Genossen im Freistaat von Platz 5 auf Platz 2. Erstmals liegen sie damit wieder vor den Grünen (16 Prozent). „Dabei ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass es ausgerechnet der SPD-Rechte Olaf Scholz ist, der die bayerischen Genossen wieder zum Leben erweckt“, sagt BR-Wahlexperte Andreas Bachmann. Zu Einordnung: Die Bayern-SPD ist ein traditionell links orientierter Landesverband, der Partei- und Fraktionsvorsitzende Florian von Brunn hat sich bereits für Rot-Rot-Grün ausgesprochen.
Während die SPD in Bayern kräftig zulegt, droht der CSU ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis. Zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl wollen laut Bayerntrend nur noch 28 Prozent der Wähler ihr Kreuzchen bei Markus Söders Partei machen. Das ist ein Minus von acht Prozent zur letzten Umfrage. Die weiteren Parteien: FDP 12 Prozent, AfD 10 Prozent, Freie Wähler 7 Prozent, Linke 3 Prozent. „Es hat den Eindruck, Armin Laschet hängt wie ein Mühlstein um den Hals der CSU und zieht die Partei immer weiter nach unten“, sagt Bachmann. Nur 17 Prozent der bayerischen Wähler sind mit der politischen Arbeit des Kanzlerkandidaten sehr zufrieden oder zufrieden – das ist ein Minus von 17 Prozent im Vergleich zum letzten Bayerntrend. Zum Vergleich: 57 Prozent sind zufrieden mit Olaf Scholz. Markus Söder büßt zwar auch massiv ein, aber er führt die Zufriedenheitstabelle noch immer an (63 Prozent). Der bayerische Ministerpräsident „steckt in einem handfesten Dilemma“, sagt Wahlexperte Bachmann. „Kritisiert er Armin Laschet öffentlich und spricht Fehler im Wahlkampf des CDU-Politikers an, wird ihm dies als grobe Illoyalität im Wahlkampfendspurt ausgelegt werden.“ Stellt er sich allerdings demonstrativ an die Seite des Kandidaten, könnte er selbst noch weiter ins Umfragetief gerissen werden.
Die CSU befindet sich in einem beispiellosen Umfragetief, trotzdem können die Grünen kaum davon profitieren – obwohl 44 Prozent der bayerischen Wähler in den Themen Klima und Umweltschutz die wichtigsten Probleme sehen. In der Sonntagsfrage verliert die Öko-Partei sogar zwei Punkte im Vergleich zum Juli. Für gerade einmal 6 Prozent der Grünen-Anhänger ist Annalena Baerbock das Wahlmotiv. Ein verheerender Wert. Die Union hat ein Laschet-Problem und die Grünen haben offensichtlich ein Baerbock-Problem. Beide Zugpferde sind nicht imstande, ihre Partei zu ziehen.
Zweitwichtigstes Problem sind laut der Bayerntrend-Umfrage von Infratest Dimap die Themen Flüchtlinge und Asyl, aber die Union kann daraus kein politisches Kapital schlagen. Genauso wenig wie die AfD. Die Partei „scheint ihr Potenzial in Bayern ausgeschöpft zu haben“, sagt Bachmann. „Vielleicht auch, weil Hubert Aiwanger mit seinem Corona-Kurs offenbar erfolgreich am rechten Rand fischt.“ Aber ein bundesweiter Durchmarsch des bayerischen Koalitionspartner ist in weite Ferne gerückt: Die bundesweite Fünf-Prozent-Hürde dürfte kaum zu überspringen sein. STEFAN SESSLER