München – Alexander Huber, 52, geht immer wieder an sein Limit. Mit 13 Jahren hat er seine erste Klettertour durch die Alte Westwand des Kleinen Watzmann gemacht. Er und sein Bruder Thomas sind als die „Huberbuam“ bekannt, die beiden Extremkletterer gehören zu den bekanntesten Bergsteigern weltweit. Im Interview erzählt Alexander Huber, was den Watzmann zu einem der gefährlichsten Berge der Welt macht.
Wie gefährlich finden Sie den Watzmann?
Der Watzmann gehört zu den tödlichsten Bergen der Welt. Er ist mit dem Mont Blanc oder dem Matterhorn vergleichbar: Alles Traumberge, die viele Menschen besteigen wollen. Dabei verfügen viele Menschen gar nicht über die nötige Kompetenz dafür. Man unterschätzt den Watzmann vor allem, weil der Schwierigkeitsgrad für den Aufstieg nicht sehr hoch ist. Trotzdem ist die Strecke im Absturzgelände. Da reicht ein Stolpern, um in den Tod zu stürzen.
Was muss ein Extremkletterer wie Sie können?
Da braucht man ein gewisses körperliches Talent für. Vor allem das nötige Bewegungsgefühl und die Kraft in den Fingern – das ist die wichtigste Kraft. Dazu ein gutes Gespür, damit man diese Kraft auch effizient auf die Wand übertragen kann. Und man braucht auch ein sehr gutes Wissen darüber, wie viel man sich zutrauen darf.
Sie und Ihr Bruder gehen im Leben immer wieder Risiken ein – wo sind Ihre Grenzen?
Die Grenzen sind da, wo man die Situation nicht mehr unter Kontrolle hat. Wenn man in der Welt der Berge überleben will, sollte man sehr gut wissen, wie weit man gehen kann. Beim Bergsteigen sind die Gefahren so omnipräsent, dass man nicht sehr weit kommt, wenn man immer wieder unerkannte Risiken eingeht.
Wann haben Sie Grenzen überschritten?
Eigentlich war das nie wirklich bewusst der Fall. Wie gesagt: Wenn so etwas öfter passiert, dann läuft man schnell Gefahr, sein Leben zu verlieren.
Aber auch Sie hatten schon Bergunfälle.
Ja, ich bin auch mal tief gestürzt. Das war aber tatsächlich nicht beim Klettern, sondern als ich mit Kameraleuten für Dreharbeiten unterwegs war. Ein Kameramann hatte sich verstiegen, da wollte ich helfen. Als ich ihm die Hand geben wollte, hab ich aber nicht drauf geachtet, wo ich mich selbst festhalte. Dabei müssen Helfer immer erst auf sich selbst schauen. Ich bin 14 Meter tief gestürzt. Immerhin war es kein senkrechtes Gelände. Letztlich habe ich mir schwere Prellungen zugezogen, aber ansonsten hatte ich Glück.
Ihr Bruder hat bei einem Sturz einen Schädelbruch erlitten. Was machen solche Situationen mit Ihnen?
Natürlich bewegt das etwas in einem. Man weiß ja: Niemand ist perfekt, und eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Es ist uns sehr wohl bewusst, dass es immer ein kleines Restrisiko gibt. Aber man geht ja trotzdem noch aus der Haustür raus. Für mich ist Bergsteigen so alltäglich wie Autofahren. Auch da können tödliche Fehler passieren, entweder durch einen selbst oder durch andere Verkehrsteilnehmer. Trotzdem setze ich mich ans Steuer. Weil ich auf ein gewisses Glück im Leben vertraue.
Ist das für Sie wirklich dieselbe Kategorie? Extremklettern und Autofahren?
Ein enger Freund von mir war Motorradfahrer. Er ist in der Ortschaft bei 20 Stundenkilometern von einem Autofahrer umgefahren worden. Dabei hat er sich das Genick gebrochen und ist gestorben. Ich hab dagegen noch nie die Erfahrung gemacht, dass jemand aus meinem persönlichen Kreis beim Bergsteigen gestorben ist.
Haben Sie manchmal Angst, andere Menschen zu waghalsigen Aktionen zu ermutigen?
Das wäre nur der Fall, wenn ich fahrlässig Aktionen empfehlen würde, ohne die Risiken zu erwähnen. Aber so denke ich, dass jeder selbst für sein Leben verantwortlich ist.
Interview: Kathrin Braun