München – Am Nachmittag des 11. März 2020 reift in Laura Weiß (Name geändert) die Erkenntnis, dass es so nun nicht mehr weiter gehen kann. Sie ist auf der Autobahn unterwegs, von Ischgl zurück nach München, und der nunmehr dritte Mitarbeiter der Corona-Hotline nimmt ihre Beschwerden nicht ernst. Zu diesem Zeitpunkt schrillen beim Stichwort Ischgl noch nicht alle Alarmsirenen, als Hotspot der Skitouristen gilt vor allem Südtirol. In ihrer Not greift Laura Weiß zu einer Lüge. Sie sei auch Gast im „Kitzloch“ gewesen. Das stimmt zwar nicht, hat aber die erhoffte Wirkung. Die Après-Ski-Bar, schon in besseren Zeiten berühmt-berüchtigt, ist gerade dabei, sich europaweit einen Namen als Viren-Umschlagplatz Nummer eins in den Alpen zu machen.
Am nächsten Tag bekommt Laura Weiß (heute 41) Besuch von einem Testteam, einen weiteren Tag später liegt sie im Schwabinger Krankenhaus. Während im Paznauntal das Chaos seinen Lauf nimmt und tausende Urlauber fluchtartig die Heimreise antreten, geht es für die Controllerin aus München nur noch darum, sich von ihrem Urlaub zu erholen.
Das Virus ist bloß eine ab-strakte Gefahr, als sich Laura Weiß und eine Freundin am Morgen des 7. März auf den Weg machen. Den beiden Frauen geht es so wie vielen anderen Menschen, die sich damals auf den Urlaub freuen: „Wir waren nicht sensibilisiert. Mit Freunden haben wir darüber gesprochen, aber nicht wirklich die Bedrohung gespürt.“ Tagsüber fahren sie Ski, kehren auf dem Berg in eine Hütte ein, sind nachmittags beim Après-Ski im „Kuhstall“ oder der „Champagnerbar“, gehen abends essen, hinterher tanzen. Das ganz normale Ischgl-Programm. Warnungen gibt es keine, weder vom Hotelier noch auf der Piste. „Es war eine heile Welt“, erinnert sie sich. „Überall hat man Party gemacht. Da denkt man nicht an Tod und Pandemie.“
Das Gefühl, dass der Spaß doch nicht ganz ungetrübt ist, kommt mit Verzögerung. Dass die ersten Bars schließen und an den Seilbahnen nicht mehr so viele Menschen in eine Kabine gelassen werden, führt Laura Weiß noch auf die allgemein wachsende Corona-Vorsicht zurück. Nicht darauf, dass Ischgl ein besonderes Problem hat. Vorsicht, so stellt sich später heraus, wird hier nicht groß geschrieben.
Als erste erkrankt die Freundin am vorletzten Urlaubstag. Den letzten halben Skitag muss Weiß allein bestreiten, da geht es ihr noch ganz gut. Die heisere Stimme und der trockene Husten beginnen sie erst auf der Rückfahrt zu irritieren, nachdem die Freundin im Internet auf allerlei Ischgl-Nachrichten gestoßen ist. So läuft das damals. Je weiter man von dem Ort entfernt ist, wo der Trubel Normalität vorgaukelt, desto klarer wird das Bild.
Und erst als der Urlaub vorbei ist, wird das Ausmaß des Schadens so richtig deutlich. Von der zwölfköpfigen Gruppe, die sie in Ischgl kennengelernt hat, erfährt Weiß später, dass kein Einziger ohne Infektion davongekommen ist. Sie selbst erwischt es voll. Der Verdacht auf Meningitis bestätigt sich zum Glück nicht, aber die extremen Muskelverspannungen, die jede größere Bewegung unmöglich machen, die Schlappheit und der Geruchsverlust sind schlimm genug. Eine Woche verbringt sie auf einer Station, die anfangs fast leer ist und sich mit jedem Tag mehr füllt. Dann darf sie nach langen Diskussionen heim zu ihrer Familie, obwohl die Ansteckungsgefahr noch nicht gebannt ist. „Das war wie russisches Roulette“, sagt sie heute.
Aber damals glaubt sie, keine Wahl zu haben. Zuhause warten zwei Kinder auf sie, die die Wohnung nicht verlassen dürfen und so reagieren, wie Kinder es eben tun. Streit ist im Frühjahr 2020 ein Dauerzustand, wie in so vielen Familien. Dass der Mann im Homeoffice arbeitet, erleichtert den Alltag auch nicht. Er ist stark beansprucht. In seinem Unternehmen ist er der Corona-Beauftragte.
Sieben Monate nach dem fatalen Kurzurlaub kontaktiert Laura Weiß den österreichischen Verbraucherschutzverein und schließt sich den Klagen an. Um Geld, sagt sie, gehe es ihr nicht. Der finanzielle Schaden lässt sich ohnehin schwer bemessen. Nur die Besuche beim Psychologen, den die Familie konsultiert, schlagen mit einer konkreten Summe zu Buche. Ihre Erwartung an die Verfahren, die jetzt anrollen, ist eine grundsätzliche: „Es wäre schon sehr viel erreicht, wenn jemand eingesteht, dass er Fehler gemacht hat, und dafür die Verantwortung übernimmt.“
Die nächsten Tage und Wochen werden da einen ersten Eindruck vermitteln. Bis zu einer endgültigen Antwort können aber leicht noch Monate und Jahre vergehen.