München – Monatelang prägten (halb-)leere Ränge das Bild des deutschen Profifußballs, hallende Kommandos waren bei TV-Übertragungen zu hören. Über 18 Monate ist es her, dass die Stadien hierzulande, die für ihre gute Stimmung und aktiven Fans so bekannt sind, voll besetzt waren. Doch das soll nun ein Ende haben.
Nachdem bereits letzte Woche der Hamburger Senat den Anfang machte und für Veranstaltungen, die unter Anwendung des 2G-Konzepts stattfinden, den Wegfall einer Personengrenze beschloss, zieht die bayerische Staatsregierung nun nach. Ab heute sollen die Zuschauerzahlen nicht mehr gedeckelt werden, auch die Maskenpflicht, die Abstandsregeln und das Alkohol-Verbot entfallen. Unter der Voraussetzung, dass die Clubs nur Zuschauer nach dem sogenannten „3G plus“- (Geimpft, genesen, mit PCR-Test getestet) oder 2G-Konzept zulassen.
Der FC Bayern will diese Chance ergreifen: „Wir freuen uns sehr, insbesondere für unsere Fans, dass nun wieder die gesamte Zuschauerkapazität in unserer Allianz Arena zugelassen ist. Wir werden alle notwendigen Vorkehrungen sorgfältig treffen, um weiterhin ein Höchstmaß an Sicherheit und die Gesundheit der Zuschauer gewährleisten zu können“, sagte Bayerns Finanz-Vorstand Jan-Christian Dreesen.
Für die Bayern bedeutet die Entscheidung der Staatsregierung, dass beim nächsten Heimspiel am 23. Oktober, wenn die TSG Hoffenheim zu Gast ist, erstmals seit eineinhalb Jahren wieder 75 000 Zuschauer zugelassen sind. Man will nach dem „3G plus“-Verfahren vorgehen.
Bereits eine Woche zuvor will die SpVgg Greuther Fürth beim Heimspiel gegen den VfL Bochum wieder alle 16 626 Plätze freigeben, ebenfalls mit „3G plus“. Anders sieht es beim Zweitligisten FC Ingolstadt 04 aus: Dort wollen die Verantwortlichen zunächst weiter auf das bisherige 3G-System setzen, bei dem auch ein Antigen-Schnelltest zum Einlass ausreicht. Dafür gelten weiterhin Restriktionen im Stadion.
Während an manchen Standorten bereits seit Wochen wieder Fahnen wehen und Gesänge per Megafon angestimmt werden, hielten sich viele organisierte Gruppen zuletzt noch zurück. Sie folgen ihrem Motto „Fußball ist für alle da“ und wollen abwarten, bis sämtliche Beschränkungen fallen, ehe sie in die Arenen zurückkehren.
Ob dieser Moment nun gekommen ist? Der Soziologe Harald Lange, Fan-Forscher an der Universität Würzburg, ist in seiner Einschätzung vorsichtig. Die Fanszenen seien „vergleichsweise zurückhaltend“, urteilt er. Grund dafür sei nicht die unmittelbare Corona-Bedrohung. Gesundheitliche Sorgen seien sogar „eher zu vernachlässigen“, glaubt Lange. „Insbesondere die jüngeren Fans lassen sich von der Sorge vor Ansteckung nicht abhalten.“
Schwerer wiegen wohl die grundsätzlichen Bedenken, die sich im Laufe der Pandemie entwickelt haben. Die Fans hätten erkannt, „dass die Kluft zwischen ‚dem Zirkus Profifußball da oben‘ und ‚uns hier an der Basis‘ immer größer wird“, sagt Lange. Interessant findet er, dass die Kritik am Profifußball „aus dem Randbereich der organisierten Fanszenen herausgetreten und in der Mitte der Gesellschaft angekommen“ sei.
Der Forscher geht davon aus, dass die aktive Szene irgendwann zwischen Herbst und Frühjahr wieder in gewohntem Umfang in die Stadien strömen wird: „Und dann werden wir eine Phase erleben, in der es auf den Tribünen richtig rund geht. In der man versucht, die wiedererlangte Bühne mit möglichst vielen kommerzkritischen Botschaften zu füllen.“
Auch Thomas Kessen, Sprecher der Vereinigung „Unsere Kurve“, des Dachverbands der Fanabteilungen deutscher Vereine, hat beim Anhang eine gewisse Abkühlung im Laufe der Pandemie festgestellt. „Die Entfremdung vom kommerzorientierten Fußball bei Fans fast jeglicher Couleur“ habe dazu geführt, „dass es eben kein Automatismus mehr ist, samstags um 15.30 Uhr ins Stadion zu gehen“. Mit Interesse hat Kessen registriert, dass bereits jetzt die begrenzten Ticket-Kontingente in den Stadien oft nicht voll ausgeschöpft wurden.
In anderen Sportarten gibt es solche Konflikte nicht. Hier ist man einfach nur froh, dass es wieder losgeht. Mihai Paduretu, Geschäftsführer des TSV Unterhaching und Sportdirektor der unter dem Namen TSV Haching München in der Bundesliga spielenden Volleyballer, will „Schritt für Schritt“ nun wieder mehr Zuschauer locken. Das aktuelle Hygienekonzept gilt für 999, mit 3G.
Simon Rentel, Pressesprecher des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Tölz, hebt besonders die Aufhebung von Alkoholverbot und Maskenpflicht im Stadion hervor. Die damit einhergehende „3G plus“-Regel hält er für zumutbar. Bisher war 3G Standard, jetzt kommt eben ein PCR-Test hinzu. „Getestete sind bisher bei uns eine absolute Minderheit“, weiß Rentel. „Da würden uns nur wenig Zuschauer wegbleiben.“