Düsseldorf – Fünf Faktoren sind es, über die Sportwissenschaftler einen gesunden Lebensstil definieren: Ernährung, körperliche Aktivität, Rauchen, Alkoholkonsum, Stresslevel. Und der „DKV-Report 2021“ der Sporthochschule Köln und der Deutschen Krankenversicherung (DKV) stellt fest: Deutschland ist so träge wie nie zuvor.
Die Hochschule hatte im Auftrag der DKV rund 2800 Bürger ab 18 Jahren befragt. Der seit 2010 zum sechsten Mal erstellte Report habe mehrere besorgniserregende Negativrekorde zutage gefördert, sagte DKV-Vorstandschef Clemens Muth. Das gelte auch für die Sitzzeiten: Die Deutschen verbringen werktags inzwischen im Schnitt 8,5 Stunden auf ihrem Allerwertesten – eine Stunde mehr als 2018. Junge Erwachsene von 18 bis 29 Jahren sind dabei Sitzweltmeister mit 10,5 Stunden an Werktagen. Homeoffice – in der Pandemie stark zunehmend – ist offenbar zur Sitzfalle geworden. Am meisten sitzen die Bürger bei der Arbeit (33 Prozent) oder vor dem Fernseher (29 Prozent) – Männer eine Stunde länger als Frauen.
Aber auch beim Stress habe sich der Wert erheblich verschlechtert, sagte Muth gestern bei der Vorstellung des Berichts. Die Frage sei: „Ist die gesunde Lebensform ein Auslaufmodell?“ Studienleiter Ingo Froböse von der Sporthochschule bilanzierte: „Die Deutschen werden immer träger.“ Im Trend lebten sie so ungesund wie nie seit dem ersten Report von 2010.
Rund 60 Prozent finden laut der Befragung vom Frühjahr keine Wege, um den gefühlten Stress zu reduzieren oder auszugleichen. Noch nie habe man ein so hohes Stressniveau gemessen, mahnte Froböse. „Die Mehrheit schafft es nicht, ihre Akkus wieder aufzuladen.“ Die Erschwernisse der Pandemie förderten die Stresslast. „Frauen sind im Vergleich zu Männern belasteter“, sagte der Sportwissenschaftler unter Verweis auf die Arbeitsbelastung mit Kinderbetreuung und Homeschooling.
Zugleich werden die Deutschen inaktiver, wobei der Faktor Sitzen deutlich zu Buche schlägt. Laut Studie sind rund 70 Prozent der Befragten gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 300 Minuten pro Woche körperlich aktiv. Bei der Arbeit, in der Freizeit oder beim Weg von einem Ort zum anderen. Das klingt zwar zunächst gut, im Jahr 2010 waren es aber noch 83 Prozent.
11 Prozent stuft die Befragung als „Minimalisten“ ein, die gerade mal 150 bis 300 Minuten pro Woche körperlich in Bewegung sind. Fast jeder fünfte Deutsche – 19 Prozent – unterschreitet sogar 150 Minuten körperliche Aktivität. Die inaktive Gruppe mache ihm große Sorgen, unterstrich Froböse. „Die machen nix.“ Mit körperlicher Aktivität sind physische – moderate wie intensive – Tätigkeiten im Job oder im Alltag gemeint, die stimulierend wirken. Es geht also keineswegs nur um reinen Sport.
Was fehlt, ist die Selbsterkenntnis. Unverändert stufen 61 Prozent der Befragten ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein. Laut Muth haben viele kein ausreichendes Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil.
Unter den „rundum gesund“ Lebenden schneiden Frauen mit einem Anteil von 14 Prozent besser ab als Männer mit 9 Prozent. Bei den Bundesländern hat Sachsen (18 Prozent) die Nase vorn, gefolgt von Hamburg, Brandenburg und Rheinland-Pfalz/Saarland. Bayern liegt mit 13 Prozent im Mittelfeld. Schlusslicht ist Nordrhein-Westfalen mit 7 Prozent.
Bei der Ernährung ist weiterhin die knappe Hälfte gesund unterwegs, wobei als Richtschnur die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gelten. Frauen kommen auf bessere Werte als Männer – so essen sie zu drei Vierteln täglich Obst und Gemüse. Alkohol konsumieren 82 Prozent gar nicht oder nur gelegentlich. Fast jeder Fünfte trinkt also zu viel. Zur Zigarette greift unverändert jeder Vierte.
Positiv in der Corona-Zeit: Fast jeder Zweite gibt an, in der Pandemie mehr spazieren zu gehen. Froböse zufolge nimmt der Trend aber schon wieder ab. Die Politik habe Sport in der Corona-Krise „in die Ecke gerückt“ und mit Blick auf Infektionsrisiken als „gefährlich“ dargestellt. Das sei falsch gewesen und werde Spuren hinterlassen.
Pandemie belastet
Frauen stärker