Wie Google Deutschland eroberte

von Redaktion

VON CHRISTOPH DERNBACH UND KATHRIN BRAUN

Hamburg/München – Nokia, Michael Jackson, die Beatles, Harry Potter und Madonna. Das sind Top-Suchbegriffe aus dem Jahr 2001 – als Nutzer ihre Google-Suchen noch nicht in Smartphones getippt, sondern in mausgraue Tastaturen vor flimmernden Röhren geklappert haben.

Zu dieser Zeit sind gerade drei Jahre vergangen, seit Andreas von Bechtolsheim, ein Großinvestor aus Oberbayern, zwei Studenten in Kalifornien einen 100 000-Dollar-Scheck in die Hand gedrückt hatte – für eine Suchmaschine, an der Larry Page und Sergey Brin an einem Laptop im Studentenwohnheim tüftelten. Es ist die Geburtsstunde von Google. Mit dem Startkapital ziehen die beiden Google-Gründer in ihr erstes richtiges Büro. Das Unternehmen wächst explosionsartig.

Drei Jahre später eröffnet der erste Google-Standort in Hamburg. Ein Mietbüro, zwei Schreibtische. So startet der Internet-Gigant im Oktober 2001 seinen ersten deutschen Standort. Inzwischen ist das Unternehmen auf 2500 Mitarbeiter an vier deutschen Standorten gewachsen: Nach Hamburg hat sich Google auch in Frankfurt, Berlin und München niedergelassen. Der bayerische Standort an der Donnersbergerbrücke ist heute der größte deutsche Standort – mit mehr als 1500 Mitarbeitern, die sogar mit einem eigenen Bier, „gBräu“, bei Laune gehalten werden.

Nur wenige Jahre nach der Eröffnung des ersten deutschen Google-Büros hat der Duden das Verb „googeln“ aufgenommen. Google ist in Deutschland angekommen – nicht nur als wichtiger Arbeitgeber, sondern auch als Lexikon, Doktor und Seelsorger. Viele Menschen vertrauen sich der Suchmaschine mit den großen und kleinen Fragen des Alltags an: „Warum kaufen alle Klopapier?“, war zum Beispiel eine der beliebtesten Warum-Fragen des vergangenen Jahres. Warum Corona so gefährlich ist, wollten auch viele wissen. Nummer eins der Fragen war aber, weshalb auch immer: „Warum wurden Kelloggs Cornflakes erfunden?“

Manche Such-Trends lassen sich schwer erklären: So wollten im Jahr 2020 mehr Menschen wissen, wo Donald Duck wohnt, als wo es bei den extremen Buschfeuern in Australien gebrannt hat. Aber dass die Suchmaschine auf jede noch so absurde Frage blitzschnell eine Antwort hat, schätzen Menschen in Deutschland besonders: Hier sitzen die treusten Google-Fans. Das sagt zumindest die Statistik von Statcounter. Treuer jedenfalls als in der amerikanischen Heimat. Während in Deutschland 91 Prozent der Internetnutzer Google ihre Suchanfragen anvertrauen, sind es in den USA rund 87 Prozent. Auch bei der Smartphone-Wahl zeigt sich: Die meisten Deutschen greifen lieber zu einem Handy mit einem Android-Betriebssystem (gehört zu Google) – während in den USA Apple mit seinem iPhone in Führung liegt.

In Deutschland gibt es aber nicht nur Google-Fans. Auch wenn der Konzern für die meisten Menschen zur Lieblingssuchmaschine geworden ist – seit einigen Jahren löst er auch immer mehr Misstrauen aus. Angefangen im Jahr 2010, als Google mit seinen Kamerawagen für das Google-Programm „Street View“ bei vielen Menschen ein mulmiges Gefühl auslöste. Als auf einmal Google-Autos mit drei Meter hohem Kameraaufbau durch die Straßen fuhren, nahmen das einige als Bedrohung wahr.

Google sagte damals zu, die Gesichter von Passanten und Kennzeichen zu verpixeln. Doch das reichte vielen nicht. Rund 250 000 Menschen beantragten, ihre Fassaden verpixeln zu lassen. Die Street-View-Funktion wurde so in manchen Gegenden quasi unbrauchbar gemacht.

Nach der Aufregung kam der Skandal: Datenschützer entdeckten bei einer Analyse eine unerlaubte Datenschnüffelei: Die Google-Autos hatten im Vorbeifahren auch Daten aus öffentlichen WLAN-Hotspots gesammelt. Das Unternehmen sprach von einem Versehen und einem persönlichen Fehler eines Mitarbeiters.

Aus Sicht des Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber hat Google einen „Überwachungskapitalismus“ eingeführt – und den baue der Konzern immer weiter aus. Google verwende all seine Services, Tools und Programmbibliotheken vor allem für die Bildung von Datenprofilen der Nutzer. Datenschützer fordern mehr Transparenz von Google. Auch die EU-Kommission hat den Konzern erst kürzlich dazu aufgefordert, preiszugeben, wie die Reihenfolgen bei Suchergebnissen zustande kommen – und ob zum Beispiel Geld dabei eine Rolle spielt. Das sind aber die Fragen, die Google eher ungern beantwortet.

Das Vertrauen der Nutzer in den Internetriesen bröckelt – und trotzdem gehört Google zu den erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Vergangenes Jahr hat der Google-Mutterkonzern Alphabet den Börsenwert von einer Billion Dollar geknackt. Google hat zudem seit seiner Gründung zahlreiche Unternehmen aufgekauft – zum Beispiel Youtube, das bekannteste Videoportal der Welt. Und Larry Page und Sergey Brin, die Studenten aus Kalifornien, haben ihre 100 000 Dollar Startkapital vermillionenfacht.

„Googeln“ steht seit 2004 im Duden

Das Drama um die Kamera-Autos

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