München – Das Berchtesgadener Land ist mal wieder auf Platz 1. Auf Platz 1 der bundesweiten Corona-Rangliste. Die Inzidenz liegt bei über 416. Nirgends ist sie höher. Der Frust nimmt zu – vor allem beim Klinikpersonal. „Wir haben haufenweise Covid-Patienten“, sagt Dr. Christian Geltner, Chefarzt Innere Medizin und Pneumologie in der Kreisklinik Bad Reichenhall. Die meisten davon ungeimpft. Für jeden Patienten müssen zweieinhalb Krankenhausbetten gestrichen werden, sagt er, um entsprechende Isolationsmaßnahmen durchsetzen zu können. „Man merkt seit Langem die Ermüdung der Mitarbeiter“, sagt der Chefarzt. Allein am Mittwoch wurden acht neue Covid-Patienten aufgenommen. „Andere Eingriffe müssen wir jetzt wieder verschieben“, bedauert Geltner.
Das ist das eine Problem: der Stress. Das andere ist mindestens genauso schlimm. „Wir haben immer noch viele Patienten, die uns vorwerfen, wir würden bei ihnen eine Fehldiagnose stellen – weil es kein Covid gibt“, sagt er. Ungeimpfte stellen derzeit das Gros an zu Behandelnden dar, ein Großteil derer hat Migrationshintergrund, sagt Geltner. Die Impfkampagne hätte diese Gruppe nicht optimal erreicht. Deshalb versucht man es momentan etwa auch mit russischsprachigen Ärzten im Landkreis, um diese Personen besser erreichen zu können.
Insgesamt prägt Bayern gerade die Spitze der Corona-Statistik: Die bundesweit neun höchsten Inzidenzen in Landkreisen oder kreisfreien Städten kommen aus dem Freistaat (siehe Grafik). Mittlerweile ist für die Einleitung von Corona-Schutzmaßnahmen in Bayern allerdings die Inzidenz nicht mehr der wichtigste Wert. Dies ist vielmehr die Krankenhaus-Ampel, die im Freistaat weiter auf Grün steht. Bei der Ampel wird ausgewertet, wie viele Covid-19-Patienten in die Krankenhäuser kommen oder sogar auf die Intensivstationen müssen. Diese Werte lagen zuletzt noch deutlich unter den Grenzen, ab denen Maßnahmen greifen.
Im Berchtesgadener Land gab es gestern 605 bestätigte aktive Covid-Fälle. „Von den neuen Infektionsfällen der vergangenen sieben Tage waren rund 80 Prozent ungeimpft“, sagt eine Sprecherin des Landratsamts. Es gebe außerdem immer wieder Personen, die ihre Symptome falsch einschätzen, diese eher einer normalen Erkältung zuschreiben und dann weiterhin den Arbeitsplatz besuchen, obwohl sie hochinfektiös sind.
Schon jetzt sei die Belastung für die Kliniken Südostbayern, die auch im Landkreis Traunstein die Kliniken betreiben, „zugespitzt, aber noch nicht dramatisch“, sagt deren Sprecher Ralf Reuter auf Anfrage unserer Zeitung. 18 der 19 Intensivbetten seien derzeit belegt, jedoch seien noch Beatmungsgeräte verfügbar und die Kliniken verfügen schlimmstenfalls noch über Organisationsspielräume.
Im Berchtesgadener Land sind nur 54 Prozent der Menschen vollständig geimpft – das sind über zehn Prozent weniger als im Bundesschnitt. Das ist für den Chefarzt Geltner einer der Gründe für die hohen Werte. Außerdem habe das Maßnahmenverständnis allgemein abgenommen. „Die Grenznähe ist mit Sicherheit ein Grund“, sagt er, „ebenso das Urlaubsverhalten der Bevölkerung.“ Reisen in Richtung der Balkanländer seien hier die Regel. Und dort waren im Sommer viele hingereist. Etliche, die zurückkehrten, infizierten sich auf ihrem Trip.
Auch der Landkreis Traunstein kommt nicht aus den Corona-Schlagzeilen. Noch im Sommer hatte der Traunsteiner Landrat Siegfried Walch (CSU) gesagt, dass es eher an einer Trägheit als an einer Impf-Skepsis liege, dass sich die Menschen im Landkreis nicht impfen lassen. Damals rechnete er mit einem Ansturm auf die Impfungen im Herbst. Dieser bleibt nun aus, obwohl die Infektionen weiter steigen: 829 aktive Covid-Fälle waren dort gestern registriert, die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 375. Vor einigen Wochen hatten sich drei Hochzeiten als Superspreader-Ereignisse erwiesen. „Ein Grund für die hohen Zahlen liegt in der niedrigen Impfquote im Landkreis“, sagte eine Sprecherin des Landratsamts. Nur 54 Prozent der Traunsteiner sind vollständig geimpft.
Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen liegt die Inzidenz bei knapp 300 – auch das ein Rekord: Nie war die Sieben-Tage-Inzidenz höher als derzeit. Ja, es gebe derzeit eine steigende Anzahl von Fällen an den Schulen, sagte Landrat Josef Niedermaier. Ob die Ansteckung aber wirklich im durch stetige Testungen begleiteten Unterricht passiere oder in der Freizeit, sei unklar. Grundsätzlich versuche er, „nicht hypernervös zu reagieren“. Auch mehrere Feste im Landkreis haben zuletzt für steigende Infektionszahlen gesorgt.
Im Landkreis Miesbach betrachtet man die steigende Inzidenz durchaus mit Besorgnis. Bei 322,4 lag sie am gestrigen Donnerstag. „Galoppiert die Zahl der Neuinfektionen völlig davon, sind Kontakte noch weniger nachzuvollziehen“, sagte eine Sprecherin des Landratsamtes gestern auf Anfrage. In Miesbach geht man davon aus, dass die Sieben-Tage-Inzidenz weiter steigt. Trotzdem ist die Lage nicht so angespannt wie im letzten Jahr. „Die hohe Inzidenz ist kein Grund zur Panik, aber sollte schon zum Nachdenken anregen.“ Ausschlaggebend für die hohen Zahlen sei nach Einschätzung des örtlichen Gesundheitsamtes, „dass inzwischen fast alles wieder erlaubt ist“. Dadurch übertrage sich das Virus leichter.
Vor allem in Schulen und Kitas werden durch die Testung viele Fälle aufgedeckt. Im Kreis Miesbach sind momentan zehn komplette Klassen mit insgesamt 23 positiven Fällen in Quarantäne. „Vergleichsweise stark betroffen sind die Schulen rund um den Tegernsee“, heißt es aus dem Landratsamt.
Im Landkreis Mühldorf geht es weiter rapide nach oben. Bei 399 lag die Sieben-Tage-Inzidenz gestern – der höchste Wert seit April 2021. Nach Auskunft des Landratsamts gibt es keine größeren Ausbrüche etwa bei Firmen. Die steigenden Zahlen gingen auf viele kleinere Infektionsketten aus dem familiären Umfeld zurück, aber auch aus Schulen und Kindergärten. „Glücklicherweise sind die Heime bisher nicht betroffen“, sagte Benedikt Steingruber, der Leiter des Gesundheitsamtes. In Mühldorf sieht man neben der kalten Jahreszeit die Lockerungen als Grund. Überrascht ist man nicht. „Im Grunde passiert bei uns nun, was auch das Robert-Koch-Institut bereits im Sommer vorhergesagt hat“, sagte Landrat Max Heimerl (CSU). kp/agy/va/sts/wha/dak