„Corona hat uns unfit gemacht“

von Redaktion

INTERVIEW In der Pandemie ist Deutschland pummelig geworden – Ein Fitness-Trainer gibt Tipps

Es war der Höhepunkt eines Fitnessbooms: 11,7 Millionen Deutsche waren 2019 in einer Muckibude angemeldet – so viele wie nie zuvor. Dann kam Corona. Und der Quarantäne-Speck. Laut einer Studie der TU München haben 40 Prozent der Erwachsenen seit Beginn der Pandemie deutlich zugelegt – im Schnitt 5,6 Kilo. Thomas Träger, 33, ist Personal Trainer. Im Interview erzählt der Münchner, wie die Menschen ihre Motivation zum Sport zurückgewinnen können – und warum man gleichzeitig etwas Bequemlichkeit aus Corona-Zeiten beibehalten sollte.

Herr Träger, ist unserer Gesellschaft Fitness nicht mehr so wichtig wie vor Corona?

Das hat sich stark in zwei Richtungen verschoben. Da sind zum einen diejenigen, die in der Krise viel mehr Zeit für Sport hatten: Leute, die sich sonst wenig bewegen, haben plötzlich das Laufen für sich entdeckt. Andere haben sich gehen lassen, sind träge geworden. Ich würde sagen, dieser Teil überwiegt.

Fällt Ihnen das auf der Straße auf?

Das fällt überall auf. Auch im privaten Umfeld. Menschen, die sonst sportlich immer sehr aktiv waren, haben es sich einfach mal gut gehen lassen. Daran ist auch nichts schlecht – ich habe den Sport in der Pandemie auch zurückgefahren. Aber jetzt fällt es vielen schwer, wieder reinzukommen. Die Gesellschaft wird unfitter. Und bequemer.

Wie macht sich das bemerkbar?

Übergewicht in erster Linie – wenn man das rein Äußere betrachtet. Fehlende Fitness hat aber auch auf die Psyche einen Einfluss. Vielen geht es nach fast zwei Jahren Pandemie einfach nicht gut. Ich höre oft, dass sich Menschen in einem Loch gefangen fühlen. Weil sie sich unsportlich fühlen, schwer wieder in den Alltag reinkommen und ihnen die Motivation fehlt.

Menschen zu motivieren – das wäre dann Ihr Job, oder?

Ja, und ich merke auch, dass wieder mehr Menschen auf mich zukommen. Ein Personal Trainer hilft vor allem denjenigen, die von sich aus nicht die nötige Disziplin mitbringen.

Wird man dann vom Personal Trainer auch ein bisschen zum Therapeuten?

Eher zum Friseur. Beim Training öffnen sich die Leute gern, sie wollen ihr Herz ausschütten und erzählen, was sie in letzter Zeit deprimiert hat. Gerade ältere Menschen brauchen ein offenes Ohr: Es ist nicht leicht, wenn man merkt, wie man körperlich und auch geistig abbaut. Was mir auch aufgefallen ist: Bei vielen Leuten ist der Alkoholkonsum deutlich gestiegen.

Wie erreicht man sein altes Fitnessniveau?

Da gibt es keinen Trick. Einfach machen. Ohne darüber nachzudenken. Vor allem darf man keine Ausreden suchen – dabei kann ein fester Termin zum Sportmachen helfen. Bloß nicht übertreiben. Wenn man lange keinen Sport gemacht hat, sollte man nicht plötzlich jeden Tag Höchstleistungen erbringen. Jeden Tag joggen zu gehen, obwohl man das vorher nicht gewohnt war, kann schnell zu Problemen mit dem Kniegelenk oder dem Sprunggelenk führen.

Was empfehlen Sie?

Einfach auf den eigenen Körper hören. Zwei bis drei Mal die Woche Sport reicht. Langsam die Ausdauer trainieren, und dazu gern auch ein leichtes Krafttraining anfangen, egal ob jung oder alt. Das ist wichtig für das allgemeine Wohlbefinden, das Stärken der Muskeln und um fit durch den Alltag zu kommen.

Auf den eigenen Körper hören – können so wirklich die Corona-Kilos purzeln?

Das ist in jedem Fall besser, als sich unter Druck zu setzen. Wer abends von der Arbeit nach Hause kommt, sollte sich nicht noch zusätzlichen Stress machen – ob wegen des Trainings oder wegen einer möglichst kalorienarmen Mahlzeit. Das ist nicht zielführend. So wird das Stresshormon Cortisol vermehrt freigesetzt. Ein erhöhter Cortisol-Spiegel kann nicht nur zu Übergewicht, sondern auch zu anderen Krankheiten führen. Es ist wichtig, Stress so gut es geht zu minimieren, und dafür ist jede Art von Bewegung ideal geeignet. Man kann ruhig mal entspannt etwas Essen gehen, sich ein Glas Wein gönnen. Einfach entspannen, das Leben genießen, und dabei auf eine ausgewogene Ernährung achten. Sport ist Freizeit, das soll Spaß machen.

Also lieber keine Kalorien zählen?

Ich finde es nicht schlecht, wenn man mal weiß, was man isst. Die meisten essen zu wenig oder zu viel und wissen das nicht einmal. Es kann sinnvoll sein, die Kalorien zu zählen. Aber nicht, um sich damit unter Druck zu setzen – sondern, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viele Kalorien das Lieblingsessen überhaupt hat. Wir essen oft das Gleiche, die wenigsten kochen sich jeden Tag etwas Neues. Und da mal einen Überblick über die Nährwerte zu haben, ist schon wichtig.

Vor der Pandemie hatte man das Gefühl, dass wir uns auf eine Fitness- Gesellschaft zubewegen – ist das jetzt vorbei?

Ich gehe davon aus, dass das wiederkommt. Man unterschätzt, wie wichtig Kommunikation im Sport ist. Am Höhepunkt des Fitnesstrends haben sich die Leute dauernd über ihre Erfolge ausgetauscht, Fotos aus dem Fitnessstudio gepostet, dort andere Menschen kennengelernt, ihr gesundes Essen in sozialen Medien geteilt. Momentan sitzt den Leuten Corona noch in den Knochen, manche fühlen sich noch nicht ganz wohl unter Menschen.

Woran merkt man das?

Viele haben nach der langen Zeit eine kurze Zündschnur, die Geduld ist am Ende. Verständlich: Im Club tanzen die Leute eng auf eng, im Fitnessstudio müssen sie Maske tragen und alles desinfizieren. Gleichzeitig fasst jeder die Desinfektionsflasche der Reihe nach an. Das macht wenig Sinn. Damit vergrault man die Kunden – und nimmt ihnen ein Stück weit die Freude am Sport. Bis sich die Studios wieder richtig füllen, dauert es sicher noch zwei Jahre. Sobald die Leute wieder den Spaß am Sport finden, erreicht die Gesellschaft auch wieder ihr altes Fitnesslevel. Interview: geo/kab

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