München – Die Grünen wollten es schon immer und auch FDP und SPD sind dafür. Die Debatte um eine Legalisierung von Cannabis ist nicht neu, die Union hatte sich aber stets gegen eine Reform der Drogenpolitik gesträubt. Nun naht die Ampel und mit ihr die Legalisierung des Cannabis-Konsums bei Erwachsenen. Ein Grund ist der Kampf gegen den illegalen Handel, zudem winken dem Bund Steuereinnahmen in Milliardenhöhe. Der frische politische Wind für Deutschland könnte also einen betörenden Duft mit sich bringen. Ein Überblick über die Wirkung von Cannabis und mögliche gesundheitliche Folgen.
Wie hoch ist der Cannabiskonsum in Deutschland?
Der Konsum nimmt laut dem aktuellen Suchtbericht des Bundes bei jungen Erwachsenen trotz Verbot seit Jahren zu – während er bei Tabak und Alkohol leicht rückläufig ist. Unter den 18- bis 25-Jährigen stieg der Anteil derer, die nach eigenen Angaben in den vorangegangenen zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert haben, zwischen 2015 und 2018/19 von 15,3 auf 24,1 Prozent. Bei den Erwachsenen insgesamt und den 12- bis 17-Jährigen fiel die Zunahme nur gering aus – von 6,1 auf 7,1 bzw. 7,3 auf 8,1 Prozent.
Was ist der Unterschied zwischen Cannabis, Hanf, Marihuana und Haschisch?
Cannabis ist das lateinische Wort für Hanf. Die getrockneten Blüten der weiblichen Hanfpflanze werden als Marihuana oder Gras bezeichnet. Genau ist es das Harz, das auf den Drüsenhaaren der Blüten sitzt und eine berauschende Wirkung hat. Denn darin sind hohe Konzentrationen von Tetrahydrocannabinol (THC), Cannabidiol (CBD) und anderen Cannabinoiden. Das gesammelte oder gepresste Harz aus der Pflanze wird als Haschisch bezeichnet.
Wie wird Cannabis konsumiert?
Am häufigsten wird Cannabis als Joint geraucht oder auch mit Pfeifen und speziellen Wasserpfeifen (Bong). Außerdem kann Cannabis mit einem Vaporisator verdampft werden. Wird es Nahrung beigemischt, „tritt die Wirkung zeitverzögert ein und ist schwierig zu dosieren“, erklärt Dr. Tobias Rüther, Vorstand der Deutschen Suchtgesellschaft und Sucht-Mediziner am LMU-Klinikum.
Ist Cannabis legal?
„Nein“, betont Martin Hubert, Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) Bayern. „Alle mit einem Konsum verbundenen Tätigkeiten wie der Besitz, Anbau, Herstellung, Erwerb, Handel und die Verabreichung sind gemäß Betäubungsmittelgesetz unter Strafe gestellt.“ Die Polizei muss also auch bei geringen Mengen ermitteln, weil es sich um eine Straftat handelt.
Welche Strafen drohen?
Das variiert je nach Bundesland, seit das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass kleine Mengen zum gelegentlichen Eigenverbrauch nicht mehr verfolgt werden sollen. In Bayern droht Ersttätern bei Mengen bis zu drei Konsumeinheiten oder sechs Gramm derzeit keine Strafverfolgung. Im Wiederholungsfall gilt das ebenfalls, sofern der Täter im vergangenen Jahr nicht auffällig geworden ist. In Bayern gab es laut LKA im vergangenen Jahr 28 228 konsumnahe Delikte mit Cannabis. Daniela Ludwig (CSU), Drogenbeauftragte des Bundes, hat gefordert, Besitz zum Eigenkonsum bis sechs Gramm nicht mehr als Straftat, sondern nur noch als Ordnungswidrigkeit zu werten (siehe auch Artikel unten).
Wie wirkt Cannabis?
„Das THC im Cannabis wird über das Blut im Gehirn aufgenommen und dockt an die sogenannten Endocannabinoid-Rezeptoren an“, sagt Rüther. Das THC wirkt dort auf das Belohnungszentrum und löst ein Wohlgefühl aus. Mit Nebenwirkungen: „Cannabis verzerrt auch die Sinneswahrnehmung und das Zeitgefühl.“ (siehe Grafik)
Macht Cannabis süchtig?
Rein körperlich – anders als Alkohol – selten. Allerdings: „Cannabis hat ein hohes Potenzial für eine psychische Abhängigkeit“, erklärt Rüther. In erster Linie sei es die Sehnsucht nach dem Glücksgefühl: „Abends habe ich gekifft und alles war gut, morgens ist der Liebeskummer aber immer noch da.“ Wegen der psychischen Folgen sei Cannabis „definitiv nicht harmlos“, sagt Rüther. „Zum einen verlernt man, sich anzustrengen, um langfristig etwas Schönes zu erreichen.“ Im Extremfall könnten sich Konsumenten zu gar nichts mehr aufraffen. „Zum anderen kann man akute Nebenwirkungen haben, zum Beispiel einen sogenannten Bad Trip“, sagt der Suchtexperte. Dabei kommt es dann etwa zu Angstzuständen und Verwirrtheit oder auch Herzrasen und Schwindel.
Wie hoch ist die Gefahr von Psychosen?
„Das Risiko ist nicht enorm, aber man sollte es auch nicht kleinreden“, sagt Rüther. Hier komme es auf die Disposition des Patienten an. „Manche Menschen haben einfach eine höhere Vulnerabilität aufgrund von persönlichen Rahmenbedingungen oder Erbanlagen und somit ein höheres Risiko, eine Psychose zu bekommen.“ Cannabis könne bei solchen Menschen dann eine Psychose hervorrufen. Das Problem: „Man weiß halt nicht, ob man diese Disposition hat oder nicht.“
Werden Cannabis-Züchtungen immer stärker?
Ja und das macht Medizinern und Polizei Sorgen. Rüther beobachtet, dass der Wirkstoffgehalt viel höher geworden ist. „Man kann auch sagen: Die Joints waren vor einer Generation wesentlich schwächer.“ Cannabis werde mitunter auch gestreckt, indem es zum Beispiel mit Haarspray besprüht wird oder Glas oder Bleipartikel beigemischt werden, um es schwerer zu machen – was ein Gesundheitsrisiko darstellt. Auch synthetische Cannabinoide würden manchmal zugefügt: „Die Wirkung ist unberechenbar und es kommt schnell zu Angstzuständen oder psychotischen Episoden.“ Das LKA warnt explizit vor mit synthetischen Cannabinoiden präpariertem Cannabis. Dieses könne zu gesundheitlichen Schäden bis hin zum Tod führen.
Ist Cannabis für junge Menschen besonders gefährlich?
Ja, weil es direkt ins Gehirn eingreift. Das Gehirn wächst, bis man 23 Jahre alt ist. Dabei vernetzen sich die Zellen. „Genau hier wirkt dann die Droge. Das Gehirn kann dies aber nicht nachholen“, sagt Rüther. Folgen können der dauerhafte Verlust von Konzentrations- und Lernfähigkeit sowie Motivation sein.
Ist Cannabis tatsächlich eine Einstiegsdroge für härtere Drogen?
Laut Rüther gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen Cannabis und dem späteren Konsum harter Drogen. „Dass es aber direkt zu harten Drogen führt, kann man so nicht sagen.“