„Schnitzelpanik“ in Österreich

von Redaktion

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

München – Das Schnitzel in panierter Form hat in Österreich Kultstatus. Seit dem Wochenende hat es nun eine völlig neue Symbolik. Das Land sei von einer „Schnitzelpanik“ erfasst worden, sagte ein Bürger vor einem Impfzentrum. Dort hatte sich eine lange Schlange gebildet, viele wollten sich eine Erstimpfung abholen. Von einem „Schnitzel-Lockdown für Ungeimpfte“, schreiben österreichische Medien bereits.

Bund und Länder in Österreich hatten am Freitagabend scharfe Regeln beschlossen, die schon ab heute gelten. Demnach haben in Hotels, Kultur und Sport nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt, Ungeimpfte müssen draußen bleiben, selbst wenn sie einen negativen PCR-Test vorweisen können. Das gilt auch für die Gastronomie – also kein Schnitzel mehr für Ungeimpfte. Das erhöht offenbar die Impfbereitschaft. „2G tritt in Kraft, und plötzlich stehen sie sogar in Linz endlos Schlange beim Impfen“, twitterte ein Österreicher über einem Foto von wartenden Bürgern an einer Impfstation. „Strengere Regeln werden doch am Ende nicht etwa was bringen?!“

Schonfrist soll Ungeimpfte locken

Die Zahl der Neuinfektionen ist auch in Österreich massiv gestiegen. Am Samstag meldeten die Behörden 9943 neue Fälle, der bisherige Höchstwert (9586) datierte vom 13. November 2020. Nur 64 Prozent der Österreicher sind bisher vollständig geimpft – das ist weniger als in Deutschland (67,1) und auch weniger als der EU-Schnitt von 67 Prozent.

Die Reaktion auf 2G ließ nicht lange auf sich warten. Österreichs Medien berichten von einer neuen Impfwelle. Laut der Tageszeitung „Der Standard“ gab es in der Schnitzel-Metropole Wien Wartezeiten von einer Stunde, in Salzburg sei der Impfbus überrannt worden, man habe zusätzliche Ärzte aktivieren müssen. Ähnliche Meldungen kamen aus Vorarlberg, Kärnten oder Oberösterreich, wo die Infektionszahlen besonders hoch sind. Vielerorts ist von einem Rekordsamstag die Rede.

Sich schnell noch eine Erstimpfung zu holen, das macht durchaus Sinn, denn Österreich hat als Anreiz eine Übergangsfrist eingebaut. So gilt für Frischgeimpfte bis 6. Dezember ein negativer PCR-Test noch als 2G-Nachweis, erst dann muss man tatsächlich doppelt geimpft sein. Am Arbeitsplatz gilt weiterhin 3G. Im Handel, in Museen und in Bibliotheken muss wieder eine FFP2-Maske getragen werden, eine Auffrischungsimpfung soll nach vier statt bisher sechs Monaten erfolgen.

Griechenland zieht ebenfalls die Zügel an

Auch in Griechenland führen schärfere Regeln zu mehr Erstimpfungen. In der Gastronomie und in Clubs gilt die 2G-Regel, seit Samstag dürfen Ungeimpfte öffentliche Einrichtungen nur noch mit Negativtest betreten, Arbeitnehmer benötigen pro Woche zwei negative Tests. In der ersten Novemberwoche ließen sich der Tageszeitung „Kathimerini“ zufolge mehr als 40 000 Menschen erstmals spritzen. In der letzten Oktoberwoche waren es 25 000. Die Polizei führte am Samstag landesweit rund 85 0000 Kontrollen durch, mehrere Gastronomiebetriebe mussten schließen, ungeimpfte Gäste 300 Euro zahlen.

In Deutschland ist eine bundesweite 2G-Regel bisher ein Tabu. Auch die nahende Ampel-Koalition setzt auf regionale Konzepte, Beschränkungen sind Ländersache. Bayern zum Beispiel hat die „Krankenhausampel“, die seit Sonntag auf Gelb steht. 2G gilt nun in Bars und Clubs. Bald düfte die Ampel auf Rot schalten, dann gilt überall, wo 3Gplus galt, 2G – mit Ausnahme von Restaurants (dagegen hatten sich die Freien Wähler gestemmt) und Friseuren. In anderen Bundesländern gelten andere Regeln, in Sachsen etwa 2G auch in der Gastronomie.

Der Berliner Senat plant, die 2G-Regel auszuweiten. „2G wird vorbereitet“, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) gestern dem „Tagesspiegel“. Die Senatsmitglieder werden sich demnach in mehren Schalten dazu austauschen, auch eine Sondersitzung sei möglich. Derzeit gilt in der Hauptstadt, dass Veranstalter oder Restaurantbetreiber selbst entscheiden können, ob sie 3G oder 2G anwenden.

Stimmen für mehr 2G auch in Deutschland

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt sprach sich am Wochenende für weitergehende Corona-Eindämmungsmaßnahmen aus – wobei sie die Verantwortung bei den Ländern beließ. „Wir brauchen in den Ländern klare, verbindliche Regelungen für 2G im öffentlichen Leben“, sagte sie der Funke Mediengruppe. Diese müssten dann aber auch kontrolliert werden.

Die Stimmen für bundesweite Regeln mehren sich aber. So plädiert Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, dafür, auch in Deutschland nur noch Geimpften oder Genesenen den Besuch von Restaurants, Veranstaltungen oder Kinos zu erlauben. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, sprach sich für eine konsequente 2G-Regel in Pflegeheimen und im Freizeitbereich aus. Der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete und Arzt Stephan Pilsinger sagte unserer Zeitung gestern, das 2G-Modell wie in Österreich halte er „bei der akuten Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems für sinnvoll“. Das gelte schon in Regionen, „in denen die Krankenhausampel auf Gelb steht“.

SPD, Grüne und FDP basteln derzeit an neuen Leitplanken, die mit dem Auslaufen der epidemischen Notlage am 25. November greifen sollen. Wie aus Verhandlungskreisen verlautete, soll eine tägliche Testpflicht für Mitarbeiter und Besucher in Pflegeheimen, unabhängig vom Impfstatus, kommen und die Corona-Prämie für Kliniken reaktiviert werden. Um Booster-Impfungen zu beschleunigen, sollen Ärzte verpflichtet werden, ältere Patienten anzuschreiben. Schulschließungen, Lockdowns und eine bundesweite 2G-Regel soll es nicht geben.

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