München – im Blindflug durch die Pandemie

von Redaktion

VON S. SESSLER, M. KNIEPKAMP UND UNSEREN LOKALREDAKTIONEN

München – Es gibt da ein hübsches Zitat, das die Münchner gerne rauskramen, wenn sie auf die lässige Schönheit ihrer Heimat hinweisen wollen. Es stammt vom bekannten Dichter Eugen Roth – und geht so: „Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon, der in München wohnt.“ Schaut man sich rechts die Karte mit den Sieben-Tage-Inzidenzen in Deutschland an, könnte man meinen: München, du hast es mal wieder besser als der Rest der Welt. Oder zumindest als der Rest von Bayern. Inzidenz laut Robert-Koch-Institut (RKI): „nur“ 98,2. Das ist der tiefste Wert in ganz Bayern.

Anderswo, zum Beispiel in Rottal-Inn oder im Landkreis Mühldorf, sind die Zahlen um ein Vielfaches höher. Sie könnten bald schon vierstellig sein. Was ist da los? Hat die heilige Corona ein bisher unbekanntes Wunder bewirkt oder macht das Virus einen geheimnisvollen Bogen um die Landeshauptstadt?

Nun ja. Die Antwort ist etwas ernüchternder. München hat den Kampf gegen die Corona-Zahlen und gegen die Kontaktnachverfolgung verloren. „Da das Meldeaufkommen nicht mehr mit den städtischen Kräften zu bewältigen ist, wird die Landeshauptstadt München ab heute wieder durch Kräfte der Bundeswehr unterstützt“, teilte eine Sprecherin des Gesundheitsreferates gestern mit. Außerdem komme es wegen des „aktuell sehr hohen Meldeaufkommens“ zu einem Verzug bei der Eingabe der Daten, sodass Nachmeldungen vorgenommen werden. „Diese werden jedoch seitens des RKI nicht rückwirkend der Inzidenz zugerechnet, so dass die vom RKI gemeldete Inzidenz tatsächlich zu niedrig ist“, heißt es aus dem Münchner Gesundheitsreferat.

Sprich: Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in München keine harte Währung, sondern Wischiwaschi. Die Landeshauptstadt fliegt zumindest teilweise im Blindflug durch die Pandemie. Es gibt offenbar auch keine eigenen Berechnungen der Stadt. „Wie hoch die aktuelle Inzidenz tatsächlich ist, wird nicht ermittelt“, heißt es auf Anfrage.

Während die Zahlen in der Region und auch bundesweit steigen, fallen sie in München seit Ende Oktober. Durch die hohe Zahl von Nachmeldungen sind die Zahlen des RKI künstlich niedrig. Ein Beispiel: Am 31. Oktober wurde zunächst ein Tageswert von 14 neuen Fällen gemeldet, mittlerweile stehen inklusive Nachmeldungen 239 Fälle zu Buche – also etwa 17 Mal so viele Fälle. In der ursprünglichen Meldung war also nur ein Bruchteil der tatsächlichen Fälle enthalten. Gestern meldete die Stadt 262 neue Fälle, 256 davon waren Nachmeldungen.

Einigermaßen realistische Zahlen sind in München erst nach etwa vier Tagen zu erwarten, da sich die Sieben-Tage-Inzidenz aber aus den Meldungen der vergangenen sieben Tage ermittelt, kommen die Werte erst später zum Tragen und halten den Wert damit niedrig. Zudem korrigiert das RKI den Tageswert nicht nachträglich, sodass deutlich zu niedrige Werte auch in der Statistik Bestand haben. So kommt es, dass für eben jenen 31. Oktober vom RKI ein Wert von 139,8 angegeben wird, wenn man die jeweils aktualisierten Zahlen der Stadt zugrunde legt und selber nachrechnet, müsste dieser aber bei 231 liegen. Das Problem an sich ist nicht neu, seit Ende August ist es aber besonders auffällig. Damals erklärte die Behörde: Ein „in der letzten Zeit stark gestiegenes Meldeaufkommen“ traf in der Behörde auf „einen kurzfristigen Personalmangel“.

Anderswo in Oberbayern sind die Inzidenzen von Haus aus hoch. Zum Beispiel im Landkreis Miesbach, wo sie bei 715,7 liegt. Hier hat die Suche nach den Infektionstreibern längst begonnen. Landrat Olaf von Löwis sagte zuletzt, die Impfquote von 66 Prozent sei „etwas niedriger“ als der Durchschnitt. Zum Vergleich: Die bundesweite Impfquote liegt bei knapp 70 Prozent, die Münchner bei über 62 und die bayernweite bei knapp 65 Prozent.

„Ich denke, dass die Impfquote nicht unbedingt das Problem ist, stelle aber schon fest seit einigen Monaten, dass wir einem harten Kern an Nichtimpfwilligen entgegenstehen“, sagt der Landrat. Dazu kommen die Gerüchte über Corona-Partys, bei denen sich Jugendliche angeblich bewusst anstecken wollten, um als genesen zu gelten. Im Miesbacher Landratsamt haben sie eine ganze Liste an möglichen Gründen zusammengetragen, warum die Zahlen explodiert sind. „Leichte Krankheitssymptome werden falsch gedeutet und auf eine beginnende Grippe geschoben“, heißt es. Außerdem stecken sich inzwischen fast immer alle Haushaltsangehörigen an, wenn einer aus der Familie an Corona erkrankt.

Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen beträgt die Inzidenz 630,2. „Die Rasanz der Delta-Variante haben viele unterschätzt“, sagt Dr. Jörg Lohse, der Ärztliche Koordinator im Landkreis. „Momentan ist es eine Pandemie der jungen Leute. Da rast es durch. Es erwischt eine Familie nach der anderen.“ Auch in Bad Tölz-Wolfratshausen ist die Impfquote ausbaufähig – zuletzt betrug sie nur um die 58 Prozent.

Im Landkreis Traunstein liegt die Inzidenz bei 764. Wolfgang Krämer ist Leiter des Gesundheitsamts. „Es sind in der Regel fast nur Cluster, also Ausbruchsgeschehen im familiären beziehungsweise privaten Umfeld zu beobachten“, sagt er. Schulen oder sonstige Einrichtungen hätten keinen großen Anteil an der Weiterverbreitung des Virus. „Ursächlich für die hohe Inzidenzentwicklung bei uns im Landkreis wie auch in der gesamten Region“, sagt Krämer, „ist nicht zuletzt eine niedrige Impfquote trotz des umfangreichen Impfangebots von Impfzentren und Ärzteschaft.“

Der Landkreis Mühldorf liegt mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 831 deutschlandweit auf Rang zwei. 63,55 Prozent der Menschen sind geimpft. Auch hier suchen sie Gründe für die Rekordzahlen. „Das flächendeckende Infektionsgeschehen über den gesamten Landkreis hatte auch Corona-Ausbrüche in Kindertageseinrichtungen und Schulen sowie zuletzt auch in mehreren Alten- und Pflegeheimen zur Folge“, teilte das Landratsamt gestern mit. Zudem hätten „mehrere Einzelereignisse“ wie Hochzeiten und Ausbrüche nach einem Fußballspiel die Zahlen im Landkreis gesteigert.

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