München – Klaus Holetschek ist ein Mann der überlegten Worte, kein Wüterich, kein Rumpelstilzchen. Aber an diesem Freitagmittag redet sich der Staatsminister für Gesundheit von Minute zu Minute mehr in Rage, vor laufenden Kameras. Er fängt an mit den Kliniken, schildert, wie oft dringende Operationen verschoben werden. Wie Pfleger am Rand der Erschöpfung um das Leben von Corona-Patienten kämpfen, aktuell liegen fast 900 auf Bayerns Intensivstationen, die Intubierten auf dem Bauch. Wie Menschen sterben. Und erzählt dann, wie andernorts in Ostbayerns schlimmsten Hotspots Megapartys gefeiert werden mit 1000 Gästen. „Ein Akt der vorsätzlichen Körperverletzung“, schimpft er. Und immer wieder: „Ich versteh’s nicht! Ich verstehe so was nicht! Und ich habe kein Verständnis mehr!“
Es bricht raus aus ihm. Eigentlich ist nichts neu davon, wer sehen wollte, was der Minister da schildert, konnte das seit Wochen in vielen Orten tun. Kein Geheimnis, nackte Realität. Und doch ist der Auftritt des zornigen CSUlers erhellend. So wie Holetschek hat die Politik in München und Berlin binnen Tagen die Geduld verloren.
Zu spät, sagen viele
Spät, sagen viele, zu spät. Und ausgerechnet der Gesundheitsminister und seine inzwischen sehr umfangreiche Mannschaft hätten früher sehen müssen, mit welcher Wucht die vierte Welle zuschlägt. Viele Worte an diesem einschneidenden Tag für Bayern sind wohl auch deshalb so schroff, weil die Politik damit von eigenen Versäumnissen ablenken will. Das Resultat ist nun eine erneute, vergleichsweise radikale Wende in der Corona-Politik des Freistaats. Im Lauf der nächsten Woche kommt ein Lockdown light.
Es wird die Ungeimpften treffen: kein Zugang mehr zum Friseur und zu Hochschulen, ein Kontaktlimit von fünf Personen. Die Wahrheit ist aber, dass es die Geimpften und Genesenen ebenso erwischt. Bayernweit schließen voraussichtlich am Mittwoch Schankwirtschaften und Discos, wo zuletzt eh 2G plus galt. Alle Märkte werden abgesagt, für Theater und Stadien gelten strenge 25-Prozent-Obergrenzen und eine neue Testpflicht auch für Geimpfte und Genesene.
Einen „Wellenbrecher“ nennt das Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Er weiß: Sein Brecher geht weit über das hinaus, was andere Länder aktuell tun; zu hoch sind Bayerns Inzidenzen, zu niedrig ist die Impfquote. Gleichzeitig bleibt er hinter dem allgemeinen Lockdown zurück, den Österreich jetzt verhängt. Oder stimmt das gar nicht? Tatsächlich: In naher Zukunft könnte auch in Bayern fast alles dicht sein.
Söders düsteres Orakel
Neben den Maßnahmen für ganz Bayern verkünden Söder und sein Minister Holetschek nämlich einen Lockdown für Hotspots über einer Inzidenz von 1000. Das klingt für viele Bayern fern, noch nicht mal Miesbach hat so üble Zahlen. Doch bei den Steigerungen der letzten Tage könnten bald weite Teile von Süd- und Ostbayern über 1000 liegen, München nach seinem Meldedesaster und dem Behördenversagen eingeschlossen. Das hieße: Gastro zu, Hotels zu, Unis auf Fernbetrieb, Kultur zu, Sport zu, Friseure zu. Aktuell träfe das die acht Landkreise Mühldorf, Traunstein, Berchtesgadener Land, Landshut, Rottal-Inn, Dingolfing-Landau, Passau und Freyung-Grafenau. Söder orakelt düster, dass es nächste Woche „deutlich mehr“ sein werden. „Die Lage ist erdrückend“, sagt er. Und macht etwas Seltenes: Er beschimpft Teile seines Volkes, die Ungeimpften und die Kontaktwütigen: „Sorglosigkeit und mangelnde Solidarität“ erkennt Söder in Bayern. Erstmals spricht er sich sogar klar für eine allgemeine Impfpflicht aus, mittelfristig. Teil des Kurswechsel ist, dass die Freien Wähler jetzt voll mitziehen. Lange waren sie und ihr Über-Chef Hubert Aiwanger eine Art Schutzpatron der Ungeimpften, zudem besonders sensibel für Anliegen der Gastronomie. Von Söders Maßnahmen verhandelten sie verlässlich ein Drittel runter. Inzwischen haben sich auch in der FW-Fraktion die Vorsichtigen durchgesetzt, und Aiwanger selbst ließ sich zweimal impfen.
„Ich bin der Papagei“
Das Ende der Rücksicht auf die Ungeimpften also, jetzt auch in Bayern. Am Dienstag will die Koalition das in Beschlüsse gießen, vormittags im Ministerrat, nachmittags im Landtag. Eine Mehrheit da gilt als gesichert, bisher waren ja sogar die Grünen als größte Oppositionsfraktion trotz Kritik grundsätzlich für Söders Maßnahmen, manchmal sogar leidenschaftlicher als einige CSUler. Wobei sich Söder da auf einige harte Worte gefasst machen sollte. Die Opposition wird ihm zum Beispiel genau vorhalten, warum er erst jetzt die Impfzentren wieder hochfährt, was längst hätte geschehen können. Womöglich wird er sich im Gegenzug erinnern, welche Oppositionspolitiker neulich noch laut von „Freedom Days“ und dem Ende fast aller Maßnahmen träumten.
Corona-Regler, die die Geduld verlieren: Das gibt es an diesem Tag übrigens auch in Berlin. Da sitzt der Chef des Robert-Koch-Instituts vor der Presse und zählt auf, seit wann und wie oft er vor der vierten Welle gewarnt und um den Aufbau der Booster-Impfungen gebeten habe. „Wie oft habe ich hier gesessen?“, raunzt Lothar Wieler. Er habe das „immer wieder gesagt“, dauernd wiederholt, sagt der Beamte: „Ich bin schon lange der Papagei.“