„Dies ist der erste komplett unnötige Lockdown“

von Redaktion

Kritik der Kulturveranstalter an neuer Situation – Termine müssen aus Kostengründen abgesagt oder verlegt werden

VON MARKUS THIEL

München – Rund 470 Plätze wären das in der Isarphilharmonie, in Münchens derzeit größtem Klassik-Konzertsaal mit 1900 Sitzen. Im Herkulessaal müsste man sich mit 300 statt 1200 Besucherinnen und Besuchern zufriedengeben. Theoretisch könnten also die Orchester spielen vor einem Publikum, das die 2G-plus-Regel einhält. Nur: Sie werden es nicht. Zumindest nicht im Falle der privaten Veranstalter.

Für die Kultur sind die neuen bayerischen Corona-Regeln gleichbedeutend mit einem Lockdown. Mit nur 25 Prozent erlaubter Auslastung rechnen sich Termine in Konzertsälen und Aufführungen in Privattheatern nicht mehr. Also müssen sie abgesagt oder ins nächste Jahr verlagert werden, was für die Anbieter zumindest den Vorteil hat: Künstlerinnen und Künstler müssen (vorerst) nicht ausbezahlt werden.

Andreas Schessl, Geschäftsführer von Münchenmusik, stößt sich vor allem an der Kurzfristigkeit der politischen Entscheidungen – und dies in einem Kulturgeschäft, das Jahre im Voraus planen muss. „Das ist ein Aspekt der Rücksichtslosigkeit der Kultur gegenüber“, sagt einer der größten Klassikveranstalter Europas. Für Schessl rechnen sich Konzerte erst bei einer Auslastung von 70 bis 80 Prozent. „Die neue Situation ist für uns mitten im Weihnachtsgeschäft ein komplettes Desaster.“ Viel zu lange, so moniert Schessl, habe die Politik darauf gehofft, dass sich die Inzidenzzahlen nicht in solche Höhen schrauben.

Vorerst will er jedoch nicht alle Konzerte absagen. Jeder einzelne Termin soll nun in den nächsten beiden Tagen daraufhin abgeklopft werden, ob dieser – unter Einrechnung der staatlichen Hilfen – rentabel ist. Das erste Ergebnis: Drei Abende im Herkulessaal und in der Isarphilharmonie mussten bis kommenden Montag bereits gekippt werden.

Schessl ist davon überzeugt, dass man das Kulturleben im 2G-Betrieb hätte weiterlaufen lassen können. „Die Wissenschaft hat doch mit ihren Pilotstudien herausgefunden, dass Säle extrem sichere Orte sind.“ Wenig hält der Münchenmusik-Chef dagegen von einer 2G-plus-Regelung. Ein zusätzlicher Test für Geimpfte bedeute eine erhebliche Erschwernis, „kaum jemand“ würde sich dann noch eine Karte kaufen. Im Übrigen habe man bei den bisherigen Konzerten beobachten können, dass die meisten Besucherinnen und Besucher geimpft oder genesen seien. „Praktisch keiner“ habe einen negativen Corona-Test mitgebracht. „Die jetzige Situation ist bedrückend, gerade für ein Publikum, das so gern wiederkommen würde.“

Bis zum Jahresende geht dagegen beim Münchener Kammerorchester gar nichts mehr. „Weder wirtschaftlich noch logistisch sind Konzerte derzeit stemmbar“, sagt Geschäftsführer Florian Ganslmeier. Sein Ensemble wirbt seit Monaten für eine Immunisierung, entsprechend wütend ist Ganslmeier auf Impfunwillige: „Dies ist der erste komplett unnötige Lockdown.“

Kritik kommt auch von den Kinobetreibern. „Schon seit Beginn der Pandemie hat die Branche immer wieder unter Beweis gestellt, wie sicher Kino ist“, teilt der HDF Kino mit. Und dies „nicht zuletzt durch moderne Belüftungsanlagen und hohe Sicherheitsstandards“. Zudem hätten Daten-Auswertungen der Luca-App gezeigt, dass nicht Kinos die Verbreitungsorte sind. 2G plus sei ein „Lockdown durch die Hintertür“.

„Augen zu und durch“ ist die Devise bei der Kleinkunst. „Es nützt nix, bringen wir die Seuche hinter uns, vermeiden wir noch ein paar Wochen physische Kontakte und motivieren wir alle Unsicheren, sich impfen zu lassen“, heißt es von Till Hofmann, der in München das Lustspielhaus, das Leo 17 und das Vereinsheim betreibt und Veranstaltungen im Audimax und im Circus Krone organisiert. Bis 15. Dezember bleiben diese Etablissements geschlossen, „danach sehen wir weiter“.

Glimpflich verläuft dagegen alles noch für die rein öffentlich finanzierten Kulturinstitutionen – solange die Inzidenz in Bayern nicht über 1000 steigt. Staatsoper, Residenztheater oder Gärtnerplatztheater spielen also weiter: Nur 25 Prozent Belegung sind für sie – im Unterschied zu den Privatveranstaltern – nicht existenzgefährdend.

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