Sie hatte den Knopf für den Schleudersitz schon gedrückt, aber irgendwas klemmte dann. Im Sommer erklärte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht ihren Rückzug aus der Politik, verzichtete auf eine Kandidatur für den Bundestag. „Ich bin in einem Alter, wo man noch etwas Neues beginnen kann“, sagte sie und schimpfte über das Politikerleben „aus dem Koffer“. Jetzt bleibt sie doch in der Politik – und wie. Sie übernimmt das Verteidigungsministerium, eines der schwierigsten Ressorts.
Fachfremd, kein Zweifel: Die 56-Jährige aus Südhessen hatte kaum Kontakt mit Verteidigungspolitik. Die Anti-Atom-Bewegung – das nahe AKW Biblis – trieb sie in die Politik. Als Juristin ging sie in den Rechtsausschuss, stieg in der Fraktions-Hierarchie auf, linker Flügel der SPD, wechselte in den Bereich Finanzen. 2019 dann die Beförderung wiederum zur Justizministerin, 2021 parallel Familienministerin. Im Militär, das hohe Sachkenntnis verlangt und auf eine gewisse emotionale Nähe hofft, erzeugt die Laufbahn Stirnrunzeln. Einen Soldatensohn wie Lars Klingbeil hätte man sich da eher vorstellen können.
Na und, sagen Lambrechts Unterstützer: Wo sie auftrat, wurde sie als durchsetzungsstark wahrgenommen. In einem Megaressort wie diesem braucht es starke Führung bei geringer Eitelkeit. Und Lambrechts klarer Kurs gegen Rechtsextremismus dürfte auch gern auf die Strukturen abfärben.
Wahr ist: Vor Annegret Kramp-Karrenbauer gab es wenige Oberbefehlshaber, mit denen die Truppe nicht haderte, sich mitunter zu Statisten für schöne Fotos degradiert fühlte. Was Lambrecht als Ministerin plant, ist offen. Ihr erstes Statement: Respekt für die Soldaten, Lob für den Einsatz gegen Corona und in den Flutgebieten. Bei Auslandseinsätzen äußert sie sich viel skeptischer. Sie müssten immer wieder überprüft werden. Aus Afghanistan lerne man, es brauche eine „Exit-Option“. C. DEUTSCHLÄNDER