So tickt Karl Lauterbach

von Redaktion

Fünffacher Vater, Epidemiologe, Salzgegner und Single: Der neue Gesundheitsminister im Porträt

VON STEFAN SESSLER, MARCUS MÄCKLER UND MIKE SCHIER

München – Es gibt ja Menschen, die glauben, Karl Lauterbach, 58, wohnt seit Ausbruch der Pandemie irgendwo in den Kulissen einer großen deutschen Talkshow und kann deswegen sofort und bei jeder Sendung einspringen. Aber das stimmt nicht: Der Gesundheitsökonom, Arzt, promovierte Epidemiologe, Vegetarier, fünffache Vater und Besitzer von über 100 Fliegen lebt in Köln.

Trotzdem war er am Sonntagabend mal wieder zu Gast bei Anne Will. Als die Moderatorin wissen will, ob Bald-Kanzler Olaf Scholz schon angerufen habe, um ihm zum Gesundheitsministerium zu gratulieren, antwortet er: „Olaf Scholz hat mich, äh, in vielerlei Hinsicht als Wissenschaftler schon angerufen.“ Auch wenn er es zu dem Zeitpunkt womöglich schon weiß, lässt er die Katze noch nicht aus dem Sack. Er spielt stattdessen seine seit Monaten bewährte Rolle als oberster Corona-Erklärer der Republik. „Ich lese die Omikron-Studien im Stundentakt“, sagt er. Und: „Wir impfen jetzt gegen die Zeit.“ Solche Sachen. Expertensachen.

Es ist der künftige Kanzler, der am Montag Klarheit schafft. „Er wird es“, sagt Olaf Scholz im Willy-Brandt-Haus, aber weil die Nachricht schon zuvor durchgesickert ist, sind eh schon alle im Bilde. Karl Lauterbach stakst dann winkend und leicht gebückt auf die Bühne und bedankt sich für das Vertrauen und die „vielen zustimmenden Worte“.

Seine Berufung ist seltsam ambivalent: überraschend – und zugleich völlig logisch. Niemand hat sich in den vergangenen Monaten so sehr in das Amt hineingeredet wie er. In Talkshows, in Interviews, bei Twitter. An seiner fachlichen Eignung gibt es keine Zweifel. Ärzteverbände gratulieren genauso wie Kollegen, auch aus anderen Parteien. Es brauche jetzt einen Ressortchef, der keine zehn Minuten Einarbeitungszeit benötige, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder noch am Sonntag. In der Pandemie-Bekämpfung waren er und Lauterbach oft auf einer Linie.

Aber so folgerichtig die Besetzung wirkt, so schwer tat sich die SPD. Bis zuletzt ließ sie offen, wer den Posten bekommt. Das Zaudern provozierte Kritik: Gerade jetzt, im Corona-Winter, müsse das wichtigste Ressort schnell besetzt werden, hieß es. Intern aber gab es Bedenken. Lauterbach gilt als eigensinnig und wenig kontrollierbar. Absprachen mit ihm seien kaum möglich, hieß es. Auch seine Schrulligkeit hat er nie ganz ablegen können, obwohl er die Haare inzwischen weniger strubbelig trägt als früher- und auf die Fliege ganz verzichtet.

Wie sehr Eigen- und Fremdwahrnehmung zeitweise auseinandergingen, zeigte sich, als Lauterbach vor zwei Jahren als SPD-Chef kandidierte. Er rechnete sich große Chancen aus, die er nie hatte. Und dann war da noch Scholz’ Versprechen, die SPD-Posten mit gleich vielen Männern und Frauen zu besetzen. Fast wäre Lauterbach der Quote zum Opfer gefallen.

Aber nur fast. Am Ende wog die Expertise schwerer. In der deutschen Gesundheitspolitik mischt Lauterbach, der übrigens auch mal CDU-Mitglied war und erst mit 38 Jahren in die SPD eintrat, schon seit Jahrzehnten mit – lange bevor er 2005 erstmals in den Bundestag gewählt wurde. Als Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie der Universität Köln beriet er die damalige rot-grüne Bundesregierung bei der Einführung der Fallpauschalen in Krankenhäusern, die später als Ursache für viele Fehlentwicklungen im Klinikbereich kritisiert wurden.

Erste Prominenz erlangte er Anfang der Nullerjahre im Streit um die Bürgerversicherung und die sogenannte Kopfpauschale. Lauterbach galt als Erfinder der Bürgerversicherung, die später auch die SPD propagierte. Sein wissenschaftlicher Konkurrent war der Darmstädter Professor Bert Rürup, der ein sogenanntes Prämienmodell favorisierte. Im unionsinternen Streit über dieses Prämienmodell trat der damalige Gesundheitspolitiker Horst Seehofer (CSU) von seinen Ämtern zurück. Er hatte offensiv Sympathien für das Lauterbach-Modell bekundet. In der CSU hat Lauterbach bis heute seine Fans: Söder bezeichnete Lauterbachs Berufung gestern als „eine gute Wahl“.

„Karlchen Überall“ wird er in der SPD genannt. Mit der RTL-Klatschtante Frauke Ludowig sprach der geschiedene Politiker über sein Single-Leben und der „Bunten“ vertraute er an, dass in seinem Leben noch eine „liebevolle Frau“ fehle, er aber anscheinend ein „Ladenhüter“ sei.

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Salz. Seit 30 Jahren verzichtet er darauf, weil er es für rasend ungesund hält. Viele Parteifreunde können von einem „Salzerlebnis mit Karl“ berichten. Im Restaurant bestellt er seine Gerichte mit dem Zusatz: „Ohne Salz, bitte!“ Kellner, die ihn nicht kennen, verdrehen die Augen. Bei einem großen Spargelessen in Brandenburg hat er vor einigen Jahren den Koch angewiesen, seine Portion salzlos in einem Extra-Topf zu kochen. Lauterbach selbst sagt: „Im Prinzip überdeckt der Salzgeschmack viele bessere Geschmäcker, die man sonst spüren würde.“ Kein Koch dieser Welt dürfte dem baldigen Gesundheitsminister zustimmen, aber im Moment hat er eh Wichtigeres zu tun. Er muss ein tödliches Virus besiegen. „Wir werden das schaffen“, sagte er gestern bei der Vorstellung als Minister. An diesem Satz wird er gemessen werden.

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