Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlässt heute die große Bühne. Anlass genug, um mit dem ehemaligen CSU-Chef und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber auf turbulente Jahre zurückzublicken. Er kennt sie seit 1989.
Herr Stoiber, haben Sie Frau Merkel zum Abschied geschrieben?
Noch nicht. Aber ich werde das natürlich noch tun, wenn es für sie ein wenig ruhiger wird. Wobei: Ich habe mich kürzlich in ein paar handgeschriebenen Zeilen auf ihren Abschied bezogen, als Antwort auf ihren sehr persönlichen Brief zu meinem 80. Geburtstag.
Was haben Sie geschrieben?
Sie war ein paar Mal in Wolfratshausen und hat mich dabei auch in ihre Heimat nach Templin eingeladen. Damals hat sie zu mir gesagt: Wir decken ja ganz Deutschland ab. Sie käme aus dem hohen evangelisch geprägten Norden, ich ganz aus dem katholisch geprägten Süden. Aus Zeitmangel hat ein Besuch aber nie geklappt. Wahrscheinlich lag es an mir. Das würde ich gerne nachholen.
Wie eng war zuletzt Ihr Kontakt?
Über viele Jahre haben wir sehr eng zusammengearbeitet – mit meinem Ausscheiden wurde es natürlich weniger. Eine Bundeskanzlerin, die so viel um die Ohren hat, muss ihre Zeit sorgfältig einteilen. Aber gelegentlich haben wir uns geschrieben.
Was wünschen Sie ihr nun?
Gesundheit. Und das sage ich nicht nur so dahin. Das Amt der Bundeskanzlerin ist extrem fordernd – mit all den nationalen und internationalen Terminen und Stresssituationen. Selbst gegenüber der Schröder-Zeit ist die Anforderung nochmals gestiegen. Jetzt kann sie diesen überfüllten Tagesablauf etwas zurückfahren. Ich wünsche ihr, dass sie das gut hinbekommt.
Einen übervollen Terminkalender kennen Sie ja auch. Wenn das endet: Fällt da Last von einem ab? Oder fällt man in ein Loch?
Weder noch. Ich habe mein Amt nie als Last empfunden und Angela Merkel sicher auch nicht. Ich selbst habe ja auch in den Jahren nach meinem Ausscheiden viel zu tun gehabt – in Brüssel, in diversen Gremien, beim FC Bayern. Da fällt man in kein Loch. Bis heute habe ich ein Büro, um das zu organisieren. Auch dieses Interview mit Ihnen (lacht).
Es gab Kritik, weil Frau Merkel auch ein Büro und einen Stab bekommt.
Eine ehemalige Kanzlerin, die wie Adenauer oder Kohl so lange prägend für Deutschland war, braucht das. Gerhard Schröder hat das auch, obwohl er ja seine Aufgabe als Aufsichtsratsvorsitzender von Rosneft hat. Bei Frau Merkel halte ich es allerdings für ausgeschlossen, dass sie eine solch gut dotierte Aufgabe wahrnehmen würde.
Sie kennen sie lange. Hätten Sie gedacht, dass sie einmal 16 Jahre lang Kanzlerin bleiben würde?
Ich kann mich an eine frühe Begebenheit erinnern. Wolfgang Schäuble wollte als CDU-Vorsitzender ursprünglich Annette Schavan zur Generalsekretärin machen, entschied sich dann aber für Frau Merkel. Ich habe dann gefragt: „Kann die das? In dieser Breite der Themen?“ Ich kannte sie ja nur als Umwelt- und Frauenministerin. Und Schäuble hat geantwortet: „Ja, die kann das.“ Er hatte Recht. (lacht)
Was zeichnet sie aus?
Sie ist eine völlig unprätentiöse, uneitle Frau. Sie betrachtete sich als erste Dienerin des Staates. Ihr ging es immer um die Sache, nicht um ihre Person. Politisch spielten Emotionen bei ihr keine große Rolle, das hat man jetzt auch beim Zapfenstreich wieder gesehen. Diese Art hat dem Land gutgetan, auch wenn sich viele Menschen vielleicht etwas mehr Leidenschaft gewünscht hätten. Emotionen hat sie öffentlich eigentlich nur gezeigt, wenn sie auf der Fußballtribüne bei der Nationalmannschaft saß.
War der Spitzname „Mutti“ despektierlich?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Das drückt aus, dass sie nie mit dem Dampfhammer dazwischengeht, sondern auch bei großen Problemen immer ruhig und sachlich bleibt.
Gibt es eine Anekdote, die Ihnen sofort einfällt?
Als sie auf dem Essener Parteitag 2000 zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, habe ich ihr Boxhandschuhe als Geschenk mitgebracht. Sie hat sich herzlich bedankt und mir dann bedeutet, dass sie die nicht unbedingt zu nutzen gedenkt. Rückblickend war das wohl nicht die allerbeste Idee, die man da in der Landesleitung geboren hat. (lacht)
Und dann ist da natürlich noch das Wolfratshauser Frühstück. . .
Sie war einige Male bei mir, vor ihrer Kanzlerschaft. Damals waren wir noch per Sie. Nach dem „berühmten“ Wolfratshauser Frühstück sind wir dann noch ein Stück die Loisach entlang spazieren gegangen. Da kam uns einer Ihrer Kollegen aus der Lokalredaktion entgegen, der aber die Situation nicht auf Anhieb durchschaut hat. Ich glaube, der hat sich über die verpasste Gelegenheit später sehr geärgert.
Ihre Beziehung war ja höchst wechselhaft. Nehmen wir Flüchtlings- oder Gesundheitspolitik.
Ja. Es gab schwierige Momente, beispielsweise beim Streit um die Kopfpauschale, als Horst Seehofer alles hinschmeißen wollte. Aber letztlich haben wir uns immer wieder zusammengerauft.
Interview: Mike Schier