Warum zum Kuckuck sagt man so was?

von Redaktion

INTERVIEW Ein bayerischer Sprichwort-Experte erklärt, warum wir Redensarten benutzen und woher sie kommen

Man benutzt sie ganz automatisch und weiß, was sie bedeuten. Woher Redensarten aber kommen, weiß fast niemand. Rolf-Bernhard Essig aus Bamberg kann helfen. Der Literaturwissenschaftler ist auch ein Sprichwortexperte. In seinem neuen Buch „Phönix aus der Asche“ (Duden-Verlag, 10 Euro) beschäftigt er sich mit Redensarten, die Europa verbinden. Ein Gespräch über Jungfrauen, Schneekönige – und warum auch mal der frühe Vogel den späten Wurm verpassen kann.

Herr Essig, ich gestehe: Mit Redewendungen stehe ich ein wenig auf Kriegsfuß.

(lacht) Ach, dafür haben Sie diese Redewendung ja ganz korrekt verwendet. Es ist oft so: Wenn man länger drüber nachdenkt, ob eine Redewendung wirklich so lautet, produziert man Fehler, die man sonst gar nicht gemacht hätte.

Was ist der Unterschied zwischen einem Sprichwort und einer Redensart?

Für den Hausgebrauch kann man sagen: Ein Sprichwort ist ein vollständiger Satz, meist lehrhaften Inhalts und gehobener Sprache. Eine Redensart ist ein Satzteil, oft bildhaft und ohne Lehre, und häufig hat man nicht den blassesten Schimmer, warum zum Kuckuck man so etwas sagt.

Zum Kuckuck?

Ich könnte auch „zum Geier“ sagen, aber man braucht ja Abwechslung – und ich habe „zum Teufel!“ fast schon einen geplatzten Kragen. Aber ein wenig ernsthafter: Genau darum geht es. Kuckuck wie Geier sind für den alten und populären Aberglauben dem Teuflischen nahe Vögel, die für den Teufel stehen, den man ja besser nicht nennt, sonst kommt er gerennt, wie es sprichwörtlich heißt.

Sie sagen, oft weiß man gar nicht genau, was hinter einer Redensart steckt.

Ja. Wenn ich zum Beispiel sage: „Das hat ja gar keinen Zweck.“ Dann weiß ich nicht, dass das eigentlich mit einem Holznagel zu tun hat, mit dem Zielscheiben befestigt wurden. Oder wenn ich sage: „Jetzt stell mal dein Licht nicht unter den Scheffel.“ Wer denkt denn da an die Bergpredigt, wo Jesus sagt: „Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.“ Hier geht es um unnötige Bescheidenheit. Der Scheffel ist ein altes Hohlmaß. Ein Licht unter ein so geeichtes Holzgefäß zu stellen, ist sinnlos, weil das Licht dadurch abgeschirmt wird. Jemand, der eine große Leuchte ist, sollte lieber anderen das Leben mit seinem Wissen erleuchten, statt unnötig bescheiden zu sein. Viele Redensarten stammen aus der Bibel.

Unsere Gesellschaft ist nicht mehr so bibelfest. Werden die Redensarten irgendwann aussterben?

Häufig wissen wir nicht mehr, woher die Worte kommen. Das hat den Erfolg der Redewendungen aber keinesfalls beeinträchtigt. Was ich schon merke: Bestimmte Fragen werden mir in Westdeutschland nicht gestellt, aber in Ostdeutschland. In Gotha wurde ich zum Beispiel gefragt, warum man wie die Jungfrau zum Kind kommt. In einer weniger säkularisierten Gesellschaft wie in Oberbayern werde ich das nicht gefragt.

Und? Die Auflösung?

Wenn man wie die Jungfrau zum Kinde kommt, kommt man sehr überraschend zu etwas – so wie die Jungfrau Maria sehr überraschend durch den Heiligen Geist und ohne Sex zu ihrem Jesuskind kam. Atheismus kann natürlich dazu beitragen, dass solche Bezüge weniger bekannt sind.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Redewendungen. Was fasziniert Sie so sehr daran?

Der unendliche Reichtum in allen Kulturen und Sprachen. Man fängt von Kindesbeinen an, Redewendungen zu verwenden, und noch im Altenheim bleibt das so.

Ihre Lieblingsredensart?

Schwer zu sagen. Was ich sehr schön finde, sind einfache Redewendungen wie „sich freuen wie ein Schneekönig“. Schneekönig ist eine der vielen Bezeichnungen für den Vogel Zaunkönig. Der Schnee- oder Zaunkönig pfeift fröhlich und bewegt sich scheinbar heiter springend, selbst wenn es bitterkalt ist, was zu der Redensart führte. Was ich auch sehr schön finde, weil ein guter Freund Franz heißt, ist „sich verfranzen“. In Zweisitzer-Flugzeugen im Ersten Weltkrieg nannte man den Beobachter, der zugleich der Navigator war, immer Franz. Wenn der Franz, also der Navigator, versagte, „verfranzte man sich“. Deswegen schreibt man sich verfranzen auch mit z und nicht, wie viele glauben, mit s.

Gibt es Redensarten, die oft falsch interpretiert werden?

Zum Beispiel „alles in Butter!“, also „alles gut!“. Da wird oft behauptet, das gehe zurück auf den mittelalterlichen Glastransport über die Alpen in Fässern, in die man flüssige Butter füllte. Die Butter erstarrte schnell, wodurch das kostbare Glas im Fass stoßgesichert war. Das ist zwar korrekt – aber die Redewendung ist erst etwa um 1914 in Berlin nachweisbar. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dieser mittelalterliche Brauch was damit zu tun hat – sondern die Margarine und andere Billig-Fette in Gaststätten. Wirte, die gute Butter nutzten, haben früher auf ihre Tafeln geschrieben: „Alles in Butter!“

Viele Redensarten kennt man in ganz Europa. Warum ist das so?

Das liegt an der Verehrung der Antike und der Kunst der Rhetorik. Um mit Reden größere Wirkung zu erzielen, hat man sie geschmückt mit geflügelten Worten. Zum Beispiel „alea iacta est“ – „der Würfel ist gefallen“ von Julius Cäsar. Es wurden auch bildhafte Übertreibungen verwendet wie „weißer als Schnee“ oder rhetorische Fragen wie „Wer wollte dem widersprechen?“ Solche Floskeln hat man in ganz Europa eingesetzt, jahrhundertelang. Viele Redensarten verdanken sich auch Fabeln und Märchen, historischen Anekdoten oder dem europäischen Sport.

Entwickeln sich Redewendungen weiter?

Ja. Mein Lieblingsbeispiel ist „Säulen nach Athen tragen“ statt „Eulen“ (siehe Artikel unten). Es gibt auch Redensarten, die wir schon länger verwenden, die Bedeutung wird uns aber jetzt erst richtig bewusst.

Zum Beispiel?

„Viral gehen“. Das erscheint auf einmal in einem anderen Licht. Durch Corona merken wir: Aha, das ist wirklich so. Ein Virus verbreitet sich innerhalb kurzer Zeit weltweit.

Gibt es etwas, das selbst Sie als wandelndes Sprichwort-Lexikon bei Ihrer Recherche für Ihr neues Buch erstaunt hat?

Was mich schon erstaunt hat, dass man auch bei sehr alten sprichwörtlichen Redewendungen auf neue Erkenntnisse stoßen kann. Zum Beispiel „Die Wände haben Ohren“. Diese Redensart ist rund 500 Jahre alt und bedeutet „Pass auf! Es könnte jemand mithören“ oder „Sei vorsichtiger, sei leiser!“ In vielen Lexika steht, dass ginge auf den französischen Hof zurück. Im Laufe der Recherche bin ich aber darauf gestoßen, dass diese Redensart schon deutlich früher im Jüdischen belegt ist und über französische Gelehrte nach Europa kam.

„Auf dein Nacken“ kommt aus der Jugendsprache und bedeutet, dass der andere zahlt. Wird sich so etwas durchsetzen?

Wie lange sich das halten wird? Keine Ahnung. In der Jugendsprache ist es wichtig, dass es sich um etwas immer wieder Neues handelt.

Hat eigentlich die Politik auch bleibende Redewendungen zu bieten?

Es ist – anders als in der Jugendsprache – eher so, dass man in der Politik sehr gewöhnliche Redewendungen findet. „Durch die Hintertür“ ist zur Zeit häufig zu hören. Das ist schon sehr altmodisch. Mir fällt im Moment niemand ein, der sich in der Politik gerade sprachlich besonders kreativ zeigt.

Welche Sprichwörter hören Sie besonders oft in ihrem Umfeld?

Da gibt es eine ganze Reihe von Sprichwörtern. „Morgenstund hat Gold im Mund“ zum Beispiel, oder das englische Sprichwort: „The early bird catches the worm.“ Das ist eines der erfolgreichsten in Deutschland geworden. Zu „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ entwickelten sich auch in der Jugendsprache oder unter Comedians viele Varianten, die lustig sein sollen, wie „Der frühe Vogel kann mich mal!“. Meine Lieblingsvariante ist „Der frühe Vogel verpasst den späten Wurm.“ Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass man mit dem, was uns die Tradition an Sprichwörtern und Redensarten gegeben hat, auch spielen und vielleicht ganz eigene Varianten erfinden kann.

Interview: Verena Möckl

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