Kabul – Ich bin in Kabul. In seinem Haus in der Hauptstadt treffe ich Sardar Muhammad Nadir Naeem, den Enkel des letzten Königs von Afghanistan. Bis 1973 war Afghanistan eine Monarchie. Dann wurde Mohammed Zahir Schah gestürzt. Nach 40 Jahren Regentschaft. Er starb 2007 mit 92 Jahren.
Nun also sitze ich vor seinem Enkel. „Ich denke, die vergangenen 20 Jahre waren eine unglaubliche goldene Möglichkeit, die wir Afghanen verpasst haben“, sagt er. Wer ist wir, frage ich. „Die afghanische Bevölkerung, Afghanistan“, sagt Naeem.
Er richtet sich auf. „Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Ex-Präsident Karzai kam alle zwei, drei Tage zu meinem Großvater und unterrichtete ihn über die Entwicklung im Land. Ich erinnere mich insbesondere an einen Besuch. Er kam ins Zimmer gestürmt, glücklich“, schildert mir Naeem. „Er sagte: Eure Majestät – er sprach meinen Großvater immer noch mit seinem Titel an. Er kam also reingestürmt und sagte: Eure Majestät, ich habe großartige Nachrichten für Sie. Mein Großvater sagte, setzen Sie sich erst mal. Karzai saß kaum, da legte er los: Ich komme gerade aus den USA zurück – und wissen Sie, was sie mir versprochen haben? Mein Großvater antwortete: Nein. Karzai sagte: Fünf Milliarden Dollar. Mein Großvater sah ihn an und sagte, aha, fünf Millionen Dollar. Und Karzai antwortete: Nein nein, fünf MILLIARDEN Dollar. Mein Großvater sagte: Können Sie das wiederholen? Er drehte sich zu mir um, das machte er öfter, wenn er sicher sein wollte und fragte: Was sagte er gerade? Ich sagte: Sir, der Präsident sagte fünf Milliarden. Das heißt fünftausend Millionen“, erzählt der Enkel. Sein Großvater habe daraufhin gesagt: „Jetzt kann Afghanistan wirklich reich werden.“
Fünf Milliarden waren nur ein Bruchteil der Summen, die ins Land flossen, schier endlos. „Wo ist das Geld“, frage ich Sardar Muhammad Nadir Naeem. „Ich denke, ziemlich viele Afghanen haben dieselbe Frage“, antwortet er. „Wissen Sie was, die Realität sieht so aus, dass dieses Geld überhaupt nie in Afghanistan ankam, nur ein Bruchteil. Aber das Geld half, dass Afghanistan zu einem der korruptesten Staaten der Welt wurde. Die Korruption fand aber nicht nur auf afghanischer Seite statt. Auch auf der Geberseite gab es Korruption in hohem Maße. Häufig wird die Summe, die nach Afghanistan floss, mit der verglichen, die der Marshallplan für Europa vorsah. Der große Unterschied besteht darin, dass der Marshallplan gleichzeitig mit einer Vision einherging und auf eine gebildete Bevölkerung traf. Afghanistan kam aus einem drei Jahrzehnte andauernden Krieg. Es gab nichts. Kabul war dem Erdboden gleich“, sagt Sardar Muhammad Nadir Naeem. „Und es gab keine Vision. Die USA reagierten auf den Terroranschlag vom 11. September. Sie wollten Rache. Sie bekämpften Al-Qaida, doch einen weiteren Plan gab es nicht.“
Ryan Crocker, von 2011 bis 2012 US-Botschafter in Afghanistan, sagte in einem Interview: „Als die Taliban aus Kabul und Kandahar vertrieben waren, sogar aus dem Land, hatte das US-Militär keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Wie verhilft man einem Land zu mehr Stabilität? Wie stellt man die Grundversorgung sicher? Wie trägt man zur Modernisierung des Landes bei? Es gab keine klaren Anweisungen, was wir tun sollten.“
Außer Geld zu geben. 90 Prozent des afghanischen Staatshaushaltes wurden bis August 2021 von der internationalen Gemeinschaft finanziert. Allein die USA zahlten 145 Milliarden Dollar, um das Land aufzubauen. Zusätzlich flossen für den Krieg 837 Milliarden US-Dollar. 2443 US-Soldaten starben im Einsatz, 1144 Soldaten der alliierten Truppen – und mindestens 66 000 afghanische Soldaten.
„Unsere Armee wurde nie ausgebildet, um einen Guerilla-Krieg zu führen – aber wir hatten einen Guerilla-Krieg“, sagt Sardar Naeem. „Nur die Spezialkräfte kamen mit den Taliban zurecht. Das Handicap schlechthin war, dass die afghanische Armee keine Luftwaffe besaß, das wollten die Amerikaner nicht und die Pakistanis.“ Dann kam der Truppenabzug. „Die Generäle wussten, dass ihnen in diesem Moment die Rückendeckung wegbricht“, sagt der Enkel von Zahir Schah.
Auch in der Armee sei Korruption Alltag gewesen. „Es flossen Milliarden in die Armee – und du schaffst es nicht einmal, dem Soldaten eine frische Flasche Wasser zu geben, der gerade kämpft? Dann hast du ein Problem.“ Die Soldaten seien nicht dumm, „sie sahen, während sie einen Krieg führten, an den sie nicht mehr glaubten, ihre Generäle in Luxus schwelgen, und wussten, dass, wenn sie auf dem Schlachtfeld sterben, es die Generäle nicht interessiert. Denn bei einer Niederlage wären sie in Sekunden weg, im Flugzeug raus aus Afghanistan.“ Genau so war es. „Sicher war unsere Armee nicht 300 000 Mann stark, wie es gesagt wurde. Wir hatten eine Geisterarmee. Geisterlehrer, enorme Korruption überall.“ Die USA hätten das gewusst und Europa auch. Mein Besuch endet.
Auf meiner Reise treffe ich noch viele Menschen. Einer ist Noman. Sein Vater, sagt der junge Mann, sei General gewesen und versuche, auf dem Landweg aus Afghanistan zu kommen: „Der pakistanische Geheimdienst hat nach dem Sturz der Regierung Ghani den Machtergreifern die Datenbanken der Armee übergeben“, erzählt er. „Jetzt haben die Taliban alle Namen – inklusive Fingerabdrücke.“ Die Datenbanken seien mit den Scannern am Kabuler Flughafen verbunden. „Du gehst also zum Flughafen, denkst, du kommst raus, dann wird dein Fingerabdruck genommen, sie ziehen dich raus und dir wird ein schwarzes Tuch über den Kopf gezogen. Dann verschwindet die Person. Sie lassen dich nicht am Leben. Einige meiner Freunde sind deshalb jetzt tot.“ Laut Human Rights Watch haben die Taliban seit der Übernahme des Landes trotz der verkündeten Amnestie allein in vier Provinzen mehr als 100 ehemalige Polizei- und Geheimdienstbeamte hingerichtet oder verschwinden lassen. Und das sind nur die Fälle, die bekannt sind. Sein Vater stehe ziemlich sicher auf der Liste, sagt mir Noman.
Nicht überall sind solche Ängste gegenwärtig und eines haben die Taliban definitiv geschafft: Es ist sicherer geworden auf den Straßen. Ein bisschen schizophren ist es schon, sie dafür zu feiern. Bei einem Taliban-Checkpoint in Kandahar frage ich einen Kämpfer, was seine Aufgabe ist. „Wir leisten Sicherheitsdienste für die Bürger.“ Ob die Sicherheitslage besser geworden sei, möchte ich wissen. „Besser als je zuvor, und das ist unsere Aufgabe“, antwortet er. Doch auch hier lässt die Euphorie nach. Ich höre von einigen, dass die ganze Nacht an einem Checkpoint zu stehen, bei eisiger Kälte, nicht der Lebenstraum sei. Man fühle sich als Sieger ein bisschen wie ein Verlierer. Den Feind zu bekämpfen war aufregender.