Kandahar – Ich bin in der Provinz Kandahar, der Hochburg der Taliban. Kandahar soll sicherer sein als Kabul – weil es hier von Taliban wimmelt. Als wir an der ehemaligen US-Militärbasis vorbeifahren, sehe ich einen Friedhof. Unser Fahrer erklärt uns, dass die Gräber ganz frisch seien. Es liegen dort 250 Soldaten und Polizisten, die in einer einzigen Nacht gestorben sind – im Kampf gegen die Taliban. Am 12. August erklärten die Taliban ihren Sieg.
Die Augen des Fahrers sehen traurig aus, als er uns erzählt, warum die Grabsteine verschmiert sind. „Diese Steine wurden von ihnen zerstört – und es war keine gute Tat. Schau dir diese Steine an, die zerbrochen sind. Jeder weiß, dass Leichen nichts tun können, aber die Taliban zerstörten selbst die Grabsteine der toten Polizisten.“
Wir sind in Kandahar-Stadt, und ich stehe vor der Tür von Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid im Kulturministerium. Ich gehe nicht davon aus, dass wir ohne Termin ein Interview bekommen. Aber warum nicht versuchen? Es stehen Dutzende Menschen – Männer – vor dem Zimmer. Alle haben Probleme, keine, die eigentlich der Sprecher einer Regierung lösen sollte. Man stelle sich vor, man hätte ein Problem mit seinem Nachbarn – und taucht vor Steffen Seiberts Büro auf.
Mein Producer kennt einen Mann, der im Vorzimmer arbeitet, deshalb werden wir bevorzugt behandelt. Oder, weil ich aus Deutschland bin, eine Journalistin, die Gutes aus Afghanistan berichten soll, damit die finanzielle Unterstützung des Landes wieder anlaufen kann. In dem Raum, in den wir gebracht werden, sitzt der Zuständige fürs Fernsehen. Ich frage ihn nach dem Gerücht, dass Frauen nicht mehr in Serien und Filmen spielen sollen. Er meint, sie arbeiten daran. Der Mitarbeiter von Mujahid kommt ins Zimmer und verkündet stolz, ich dürfe das Interview führen. Jetzt sofort.
Mujahids Antworten auf meine Fragen sind mehr als vage. Er betont, dass die neue Regierung Hilfe für den Aufbau Afghanistans benötige. Dass er keine Gefahr von der verfeindeten Salafisten-Miliz Islamischer Staat ausgehen sehe. Es seien nur wenige, die gegen sie kämpfen. „Einige wurden gefangen genommen, einige getötet, gegen den Rest ermitteln wir.“
Auf meine Nachfragen nach Frauenrechten, antwortet er: „Wir haben viel für die Scharia geopfert, und wir wollen dieses Gesetz in Afghanistan, nicht im Westen. Der Westen kennt seine Gesetze, aber dies ist Afghanistan, dies ist unser Land, und wir wollen ein Gesetz haben, das auf unserer Kultur und unseren Überzeugungen basiert, sodass die Menschenrechte auf der Scharia basieren werden. Alle afghanischen Frauen sind Muslime und stimmen den Rechten zu, die der Islam ihnen gibt.“
Zu weiterführenden Schulen meint er, dass sie für das ganze Land an einem einheitlichen Programm arbeiten würden – und dann die Schulen auch für Mädchen wieder geöffnet werden sollen. Am Ende will ich noch wissen, ob er mir garantieren kann, dass Frauen wieder öffentlich Sport machen dürfen. Er sagt: „Wir versuchen es.“ Ich komme gerade von einem Interview mit einer ehemaligen Nationalspielerin, die sich im Keller verstecken muss, weil die Taliban sie jagen.
Am Ende des Gesprächs merke ich, dass mich die erste Antwort von Mujahid am meisten überraschte. Er antwortete auf meine Frage, ob es ihn nicht verwundert hätte, dass sie ganz ohne Widerstand so schnell an die Macht gekommen seien mit: Ja!
Als wir raus sind aus Mujahids Zimmer, sagt sein Mitarbeiter zu mir gewandt: Falls ich eine Möglichkeit hätte, ihn und seine Familie außer Landes zu bringen, dann würde er diese Chance ergreifen.