„Für viele ist es ein Stück Nostalgie“

von Redaktion

Vor 20 Jahren wurde der Euro offizielle Währung – doch noch immer sind Milliarden D-Mark in Umlauf

München – 20 Jahre Euro, das heißt auch: 20 Jahre Abschied von der D-Mark. Vielen Deutschen scheint der Abschied bis heute schwerzufallen. Noch immer ist eine elfstellige Summe nicht an die Bundesbank zurückgeflossen. Warum, wo sich das Geld befindet und wie viele D-Mark noch heute jedes Jahr in Euro getauscht werden, weiß Johannes Beermann, im Vorstand der Bundesbank zuständig für Bargeld.

Herr Beermann: Wie viele D-Mark sind aktuell noch in Umlauf?

12,4 Milliarden. Was Banknoten und Münzen betrifft, ist das Verhältnis ungefähr fifty-fifty. 5,8 Milliarden in Noten, der Rest in Münzen.

Woher wissen Sie das so präzise?

Weil wir genau notiert haben, wie viel Geld wir ausgegeben haben. Die Währungsumstellung führte dann dazu, dass die D-Mark zu uns zurückkam. Die Differenz ist der noch ausstehende Betrag. Es ist ganz interessant: Ende 2001, unmittelbar vor der Einführung des Euro-Bargelds, waren noch 162 Milliarden D-Mark in Umlauf, davon 150 Milliarden in Banknoten. Weit über 90 Prozent waren Noten, die sind fast alle an uns zurückgegangen.

Warum behalten viele Deutschen heute noch ihre D-Mark?

Da gibt es ganz unterschiedliche Motive. Zum einen ist es sicherlich ein Stück Nostalgie. Man fühlt sich vielleicht an die Kindheit erinnert, wenn man ein Zehn-Pfennig-Stück findet. Ich selber habe noch eine Münzsammlung. Meine Mutter hat für ihre Kinder Sondermünzen gesammelt. Ein weiterer Grund ist: Manche Leute haben es schlicht vergessen.

Vergessen?

Man schaut nach langer Zeit in eine Schublade, findet dort Geld – und stellt fest: Ach, da war ja noch was! Ein Grund kann auch reine Unwissenheit sein. Beim Hauskauf oder im Erbfall findet sich irgendwo im Keller oder auf dem Dachboden ein Notgroschen, von dem niemand mehr wusste. Wir hatten den Fall, dass eine Kommode dem Tierschutzverein vermacht wurde. Nach zehn Jahren wurde sie ausgemustert, und als sie auseinandergebaut wurde, wurden Geldscheine gefunden. Ein anderer klassischer Fall betrifft das Ausland. Die D-Mark war eine harte Währung. In Montenegro oder Bulgarien war sie teilweise Ersatzwährung. Daher kommt es immer noch vor, dass Bürger von dort D-Mark bei uns einreichen.

Gibt es auch Menschen, die die D-Mark behalten, weil sie an deren Rückkehr glauben?

Nein. Wäre das ein Motiv, hätten wir sicherlich höhere ausstehende D-Mark-Beträge.

Was fließt im Jahr noch an die Bundesbank zurück? Zum Beispiel 2021?

Wir haben in diesem Jahr bis Ende November 43,1 Millionen D-Mark zurückbekommen, etwa 22 Millionen Euro.

Eine Menge Geld – das man schon 20 Jahre lang hätte tauschen können.

Die klassischen Fälle sind die Erbfälle. Jemand hat geerbt, durchstöbert das Haus, räumt Schränke und Schubladen und findet dort D-Mark. Dann gibt es Leute, die im Ausland Geld bekommen. Sie werden in den Ferien angesprochen: „Ihr seid aus Deutschland, ich habe hier noch ein paar Mark gefunden“. Und eines dürfen wir nicht übersehen, gerade beim Münzgeld: Vieles ist einfach verloren gegangen.

Was ist die kurioseste Geldquelle, von der Sie zuletzt gehört haben?

Es wird immer wieder im Garten etwas gefunden oder auch in Hohlräumen hinter Toilettenabflüssen. In diesem Jahr war das Kurioseste tatsächlich die Kommode beim Tierschutzverein.

Sind die Deutschen ihrer Währung besonders treu, oder haben andere Länder ähnliche Erfahrungen?

Die D-Mark hatte schon einen besonderen Status, gerade als ein Wertaufbewahrungsmittel. Aber zwischenzeitlich ist der Euro in der Bevölkerung fest etabliert. Deutschland ist übrigens eines von nur sechs Ländern im Euro-Raum, die sowohl nationale Banknoten als auch nationale Münzen unbefristet umtauschen.

Was war die höchste Summe, die in den letzten Jahren eingereicht wurde?

Im Schnitt werden 789 D-Mark eingereicht. Da sind manchmal größere Summen dabei. Die höchste D-Mark-Einzahlung zum Umtausch betrug rund 711 000 DM.

Am Umtauschkurs von 1,95583 D-Mark wird sich ja sicherlich nichts ändern?

Der wird so bleiben.

Als Spekulationsobjekt taugt die D-Mark damit nicht.

D-Mark, die bei uns getauscht wird, hat einen festen Kurs. Große Handelsketten machen ab und zu D-Mark-Aktionen, da können Sie in D-Mark bezahlen. Natürlich gibt es auch Sammelobjekte. Die sind dann auch mehr wert, das sind in der Regel Sammlermünzen.

Gibt es bestimmte Münzen oder Noten, die besonders begehrt sind und deshalb nicht zurückfließen?

Das sind eben die klassischen Sammlermünzen, die das Bundesministerium für Finanzen regelmäßig prägen lässt. Daneben gibt es bestimmte Münzreihen, die Fehlprägungen haben und deshalb Sammlerwert erlangen. Da ist es ähnlich wie bei Briefmarken.

Sind noch viele Blüten in Umlauf?

Viele nicht. 2019 und 2020 haben wir jeweils ungefähr 300 falsche D-Mark-Banknoten bekommen. 2021 waren es bis Ende November 500 falsche Noten mit einem rechnerischen Wert von 86 000 D-Mark. Da hatten wir einen sehr großen Einzelfall: Es wurden 360 Noten zu 100 D-Mark bei uns eingereicht. Der Einreicher kam aus dem Ausland und erklärte, er habe das Geld gefunden. Es lag dann auf dem Fundamt, und nach der Wartefrist wurde er zum Eigentümer erklärt. Daraufhin hat er es eingereicht und musste leider feststellen, dass das Geld falsch ist.

Sollte man eher D-Mark als Euro fälschen – weil die D-Mark nicht mehr so vertraut ist?

Das zeigt zumindest eine gewisse juristische Grundkenntnis. Wenn Sie D-Mark fälschen, ist das seit 1. Januar 2002 kein Falschgelddelikt nach Paragraf 146 StGB. Weil es keine gültige Währung mehr ist. Damit sind Sie aus der Geldfälschernummer strafrechtlich raus. Probleme haben Sie, wenn Sie damit bezahlen oder versuchen, uns das Geld anzudrehen. Das ist natürlich Betrug.

Was ist mit Ostmark?

Ostmark wird nicht mehr getauscht. Da ist der Umtausch schon vor 31 Jahren abgeschlossen worden, bei der Einführung der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.

Sind bei der Bundesbank noch viele Menschen mit der D-Mark beschäftigt?

Der Großteil der Arbeit mit D-Mark-Bezug wird bei uns in den über 30 Filialen gemacht. Die Beschäftigten an den sogenannten Jedermann-Schaltern, wo auch verschmutzte Geldscheine gewechselt werden können, besitzen durch den täglichen Umgang mit D-Mark die nötige Expertise.

Was macht die Bundesbank mit den D-Mark?

Die D-Mark Banknoten und Münzen werden vernichtet. Die Münzen werden als Münzschrott unbrauchbar gemacht. Das sieht am Ende wirklich wie Schrott aus. Und der wird dann verkauft. Die Banknoten werden geschreddert und entsorgt.

Die Abschaffung der kleinen Cent-Münzen ist immer wieder Thema. Ihre Meinung dazu?

Solange der Einzelhandel Preise mit 98 oder 99 Cent festlegt, gibt es keinen Grund, die kleinen Münzen abzuschaffen. Ich finde auch, das ist eine Frage der Wertschätzung. Es gibt sehr viele Leute in diesem Land, die auf den Cent angewiesen sind.

Interview: Marc Beyer

Artikel 7 von 7