Berg – Steffe Mair legt die Unterarme auf den Tisch, die Hände übereinander, grade hat er wieder eine seiner Geschichten erzählt. „Ja“, murmelt er ganz leise, lächelt ein bisschen, schaut ins Nichts. Er ist Biobauer in Farchach, einem Ortsteil der Gemeinde Berg im Kreis Starnberg. Steffe Mair hat seinen Hof schon umgestellt zu einer Zeit, da glaubten um ihn herum noch alle ganz fest an das Gute im Kunstdünger. Nebenher hat er immer Musik gemacht. Und vor vielen Jahren fing er auch noch an zu schreiben.
Mair sitzt auf der kleinen Terrasse vor seinem Austragshäuschen, schaut auf das gelb getünchte Bauernhaus, in dem er geboren und aufgewachsen ist, das längst der älteste Sohn übernommen hat. Maibaum und Kirche sind nicht weit, am Grundstück plätschert der Lüßbach vorbei. Idyllischer geht’s fast nimmer. Den Vieh-Bestand haben sie hier nie übermäßig vergrößert; dafür den Hof um eine Käserei erweitert und um einen Hofladen, der dreimal in der Woche geöffnet ist.
Steffe Mair sagt, er habe irgendwann einfach gespürt: „Jetzt möcht’ da was raus.“ Er fasst sich ans Herz. Erst machte er dem Hausarzt ein Gedicht, dann verfasste er den ein oder anderen Brief, auch mal eine Einlage für eine Feier. Kam alles immer bestens an. Also schrieb er weiter, und bald war es dann so, wie es heute noch ist: dass er nachts aufwacht, und es fällt ihm etwas ein, das es wert wäre, aufgeschrieben zu werden. Das macht er dann auch immer.
Manche Geschichten sind ihm erzählt worden, das meiste aber hat er selbst erlebt. Als er ein Bub war, pflügte der Vater noch mit Ochsen, und natürlich musste auch er mit aufs Feld. Einmal, sagt er und kichert in sich hinein, habe sich einer der Ochsen hingelegt und keine Anstalten gemacht, wieder aufzustehen. „Biesel ihm ins Ohr!“, forderte der Vater. Er tat das dann – das Vieh erhob sich.
Damals, sagt Mair, waren die Strukturen im Dorf viel kleiner, jeder Handwerker sei zugleich Selbstversorger gewesen, mit einer Handvoll Kühe im Stall. Die Milch brachte man abends zur Milchsammelstelle, wo es zu einem Vorfall kam, über den man lieber schwieg. Mair hat freilich auch die Geschichte aufgeschrieben (siehe unten).
„Armselig“ sei das Leben damals gewesen, sagt er; wenn seine Mutter Brot backte, was man draußen riechen konnte, dauerte es nicht lang und der erste Bettler stand auf der Matte. Anna, wie seine Mutter hieß, habe den Leuten immer was gegeben. Sie kaufte auch immer dem Hausierer was ab, der regelmäßig vorbeikam in Farchach und seinen Koffer schwenkend sang: „Ich trag mein Koffer nur spazier’n.“ Mair hat ihn verewigt.
Der 84-Jährige hat auf seinen vielen hundert Seiten Dorfgeschichten nicht nur Lustiges versammelt. Er schreibt auch über sich selbst, darüber etwa, wie schwer er, „der Träumer“, es etwa mit einem Vater hatte, der auf keinen Fall unangenehm auffallen, es aber auch zu ein wenig Wohlstand bringen wollte. Während der Sohn gern den Wolken zuschaute, das Abendrot betrachtete, die „Stimmungen der Natur“ zu erspüren versuchte, hatte der Vater das erste Gras-Silo im Ort gebaut; und war dann der Zweite in Farchach überhaupt, der sich ein Bad leistete. Steffe hat sich an ihm ziemlich abgearbeitet, zwischenzeitlich wurde er sogar ernstlich krank. Aber als ihm dann Ende der 60er-Jahre, als er den Hof schon übernommen hatte, ein befreundeter Musiker sagte, den ganzen Hype um Kunstdünger und Pestizide könne er überhaupt nicht nachvollziehen – da war ihm, Steffe, klar, was er zu tun hatte. Dass er den Betrieb umstellen würde auf biologische Bewirtschaftung, verschwieg er dem Vater vorsichtshalber. „Das musste er am Stammtisch erfahren“, sagt er – und redet noch ein bisschen leiser, als er es sonst ohnehin tut.
Man kann getrost sagen, dass der Biobauer das schöne Dorf Farchach nachhaltig geprägt hat. Nicht, weil er die Leute zu missionieren versuchte, im Gegenteil, er zog sich in der Umstellungsphase eher zurück. Drei andere Bauern folgten später trotzdem seinem Beispiel. Während bei ihm die ersten „Aussteiger-Typen“ um Praktika anfragten und irgendwann die Besucher busweise sogar aus Asien und Afrika vorfuhren, um von Mair zu lernen, wie man ohne Chemie Getreide nicht nur sät, sondern auch erntet.
Der schöne Assenhauserhof wurde immer mehr zu einem Ort der Begegnung. Bald bürgerte es sich ein, dass im Frühsommer die Felder abgegangen werden mit Musik und vielen Freunden. Bei der Kartoffelernte finden sich immer jede Menge freiwillige Helfer ein, auch weil sie wissen, dass hinterher gemeinsam gegessen und gefeiert wird. Zu manchen Anlässen, sagt Steffe Mair mit leuchtenden Augen, würde seine Schwiegertochter Hannah Essen auftragen, „dass sich die Tische nur so biegen“.
Der Stoff wird ihm so schnell nicht ausgehen. Letztes Jahr wurde er auch noch Gemeinderat. Die Grünen aus Berg hatten ihn gebeten, seinen Namen herzugeben für die Liste, damit die voll wird. „Dir kann gar nichts passieren“, sagten sie ihm, „du stehst auf einem der letzten Plätze“. Aber sie hatten unterschätzt, wie beliebt der Mair Steffe längst ist. Er wurde vorgehäufelt – und nahm dann das Mandat an. Allerdings gab er seinen Sitz nach etwa einem Jahr doch wieder zurück – weil sie wegen Corona alle mit Masken tagten und weit auseinander saßen, und er, der schwerhörig ist, einfach kein Wort mehr verstand.