Peking – Chinas Strategie gegen Corona ist einzigartig. Das Land ist seit Pandemiebeginn weitgehend abgeschottet, Megastädte wie derzeit die 13 Millionen Einwohner der Stadt Xi’an werden schon bei einzelnen Infektionen komplett runtergefahren. Bislang ging der Plan auf – doch Omikron könnte die Karten kurz vor Olympia am 4. Februar neu mischen.
Timo Ulrichs, Experte für Globale Gesundheit an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften, geht davon aus, dass sich Omikron auch in China ausbreiten wird. „Eine Null-Covid-Strategie ist hier nicht mehr zielführend.“ Ulrichs erwartet „ein Überrollen ähnlich wie in anderen Ländern mit steilen Anstiegen der Neuinfizierten-Zahlen“. Der Virologe Christian Drosten hatte schon vor Weihnachten China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern als seine derzeit „größte Sorge“ bezeichnet.
Noch und nun schon seit mehr als einem Jahr ist es um die Pandemielage in der Volksrepublik deutlich besser bestellt als in vielen anderen Ländern. „Wie China durch die Omikron-Welle kommt, hängt vor allem von der Wirksamkeit der dortigen Impfstoffe ab“, sagt Sebastian Ulbert, Impfstoff-Experte am Fraunhofer-Institut. In China werden hauptsächlich die Impfstoffe Coronavac (Sinovac) und BBIBP-CorV (Sinopharm) verwendet, die abgetötete Coronaviren enthalten. Zwar liegt die Quote der vollständig Geimpften bei rund 85 Prozent und damit höher als in Deutschland. Bislang unveröffentlichte Studien hatten kürzlich Hinweise geliefert, dass die beiden Vakzine eine unzureichende Antikörperantwort gegen Omikron auslösen könnten. Doch die Datenlage ist für ein endgültiges Urteil zu dünn.
Auf die chinesischen Impfstoffe vertraut nicht nur China selbst. Die Präparate sind vor allem wegen großer Nachfrage von Entwicklungsländern zu einem Exportschlager geworden. Nach Angaben aus Peking wurden bereits mehr als zwei Milliarden Dosen chinesischer Impfstoffe an über 120 Staaten geliefert. Gesundheitsforscher Ulrichs geht davon aus, dass die chinesische Bevölkerung nur einen sehr begrenzten Schutz vor klinischen Verläufen und noch weniger vor Infektionen hat – auch weil es viel weniger Genesene gibt, die einen gewissen Schutz haben. Das bedeute, dass sich die Ausbreitung von Omikron schwerer unterbinden lasse als in Europa. „Ein besonderes Risiko stellen die Olympischen Winterspiele dar“, sagt Ulrichs.
Omikron hat die ohnehin große Nervosität der Gastgeber noch einmal erhöht. Die Athleten müssen sich auf harte Bedingungen einstellen. Peking will die Spiele komplett in eine „Blase“ verbannen, in der es keinerlei Kontakt zum Rest der Hauptstadt geben soll. Völlig unklar ist, wie die Planer vorgehen würden, sollte es innerhalb der Blase zu einem größeren Ausbruch kommen. dpa