Hans-Jürgen Bäumler ist eine Eislauf-Legende. Er ist der ewige deutsche Eisprinz. Heute wird er 80 Jahre alt. Wir haben kurz davor in Südfrankreich angerufen, wo der gebürtige Dachauer, überzeugte Münchner und Weltmensch mit seiner Frau Marina seit über 40 Jahren zwischen Nizza und Cannes sein Domizil hat.
Herr Bäumler, wie fühlen Sie sich so kurz vor Ihrem 80.?
Man sagt ja immer, wenn man 80 wird, wird alles anders. Das kann ich mir gar nicht vorstellen! Mir geht’s hervorragend, es ändert sich die Zahl, aber sonst hoffentlich nichts! Ich bin zufrieden mit meinem Leben, ich bin glücklich mit meiner Frau – nur dieses blöde Corona halt. Meinen Geburtstag hätte ich mir anders vorgestellt.
Wie hätten Sie denn gerne gefeiert?
Die Kinder und Enkel wären aus München und Zürich gekommen, wir hätten alle Freunde eingeladen; dafür hatten wir auch schon ein kleines Hotel reserviert. Aber das mussten wir alles absagen. Ich hoffe aber, dass ich mit meinem 80. nicht aufhöre zu leben, sodass alles nachgeholt werden kann.
Ihre Sprachfärbung ist trotz der vielen Jahre in Frankreich immer noch bairisch…
Ja, was hoaßt, i kannt net no Bairisch?! (Lacht ins Telefon). Ein Bayer ist mit einem Fuß sein Leben lang in Bayern, auch wenn er in Frankreich lebt.
Vermissen’s uns denn gar nicht?
Doch, München vermisse ich. Dachau auch ein bisserl, da war ja das Haus meines Vaters. Ich wäre gerade jetzt wieder nach München gefahren, darauf hatte ich mich sehr gefreut, aber wegen Corona geht es halt nicht – das ist mir alles zu unsicher, obwohl wir geimpft und geboostert sind.
Na ja, grad ist es auch nicht sehr schön – Schmuddelwetter, heute alles grau. Da haben Sie es vermutlich besser.
Ich will Sie ja nicht neidisch machen, wir haben seit vier Wochen strahlend blauen Himmel! Wir können im T-Shirt draußen essen. Es ist ein Traum!
Deshalb sind Sie uns also abhandengekommen?
Jein. Wir haben in Nizza immer die neuen Revuen von Holiday on Ice einstudiert, weil es hier eine entsprechend große Halle gab. Wir waren immer fünf Wochen am Stück da – ich hatte mir dafür immer eine Wohnung gemietet. Meine Frau kam mit unserem ersten Kind gern zu Besuch. Uns allen hat das so gut gefallen, dass wir die Wohnung schließlich gekauft haben. Und so langsam fing es an, dass wir frankophil wurden, die Art zu leben, hat uns sehr gefallen. Es gab diesen Neid und diese Missgunst nicht, keiner hat mich gekannt, ich konnte überall hingehen. Denn zu dieser Zeit war ich ja noch in all diesen bunten Blättern. Dann haben wir uns ein Haus auf einem wunderschönen Terrain gebaut, die Kinder sind hier zur Schule gegangen – wir haben das nie bereut.
Bereuen Sie, dass Sie 2017 Ihre Schauspielkarriere beendet haben?
Ich habe immer das große Glück gehabt, mit allem, was ich gemacht habe, am Höhepunkt des Erfolges aufhören zu dürfen. Für mich hat in München alles begonnen – das Eislaufen im Prinzregentenstadion, wo ich meine ersten Stunden bekam. Und in München habe ich meine Karriere beendet – mit dem Theaterstück „Kerle im Herbst“ in der Komödie im Bayerischen Hof. Als dort nach der Vorstellung die Leute am Ausgang standen und mir sagten: „Wir haben unsere Jugend mit Ihnen verbracht.“ Das hat mich sehr berührt. Doch mit meinem vom Paarlauf lädierten Rücken hätte ich eine Theatertournee nicht mehr durchgestanden – vier, fünf Stunden im Bus sitzen und abends spielen, das wäre nicht mehr gegangen. Und wenn ich das jetzt in Pandemie-Zeiten sehe, sag ich mir: Mensch, da hast wieder mal Glück gehabt und im richtigen Moment aufgehört!
Aber Fernsehen ginge doch noch?
Es gibt für 80-jährige Moderatoren wenig Aufgaben, auch wenn ich 750 Sendungen „Riskant!“ gemacht habe. Und was soll ich spielen? Einen alten Opa?
Na ja, Sie schauen ja auch als Opa gut aus!
Das geht ja runter wie Öl.
War Ihre Frau eigentlich nie eifersüchtig auf Ihre vielen weiblichen Fans?
Sie wusste ja, was gespielt ist und was nicht. Aber wissen Sie, was mich echt berührt: Mein Sohn hat eine Media-agentur in München, die heißt Kopfbrand, und da schicken immer noch Leute Autogrammbriefe hin, genauso wie zu meiner alten Künstleragentur. Regelmäßig kommen 20, 30 Autogrammanfragen von Leuten, die Zeitungsartikel von den Olympischen Spielen in Innsbruck schicken, die das unterschrieben haben wollen. Das ist für mich mit 80 unfassbar.
Sie waren in diesen Zeiten, gemessen an heutigen Verhältnissen, ja auch ein Megastar.
Ja, aber die Fans von damals sterben schon weg. Und mir schreiben heute sogar 35-Jährige, die einen Eintrag in ihr Olympiabuch wollen.
Wie fühlt sich das denn an, wenn man so beliebt war?
In der Zeit, wo man auf dieser Wolke schwebt, kriegt man das ja gar nicht so mit. Doch jetzt, wo ich älter werde und zurückschaue, denk ich mir schon: Wie viele Menschen dürfen so etwas erleben? Und du gehörst dazu! Einer der erfolgreichsten Sportler und bekanntesten Menschen Deutschlands gewesen zu sein – das basierte natürlich auf der Geschichte des Eis-prinzen, diesem Image, das mir angeheftet wurde. Ich hatte zwei Leben, das öffentliche und das private. Ja, ich bin schon ein bisschen stolz auf meine Vergangenheit, und ich schaue auch ganz ruhig in die Zukunft, wissend, dass das, was noch kommt, nie mehr schöner werden kann als das, was war.
Was haben Sie noch vor? Welche Wünsche wollen Sie sich erfüllen?
Ich will mir nichts mehr erfüllen! Ich bin glücklich. Ich freue mich, dass ich so eine tolle Frau habe, ich freue mich, dass ich zwei gesunde Söhne habe, dass die eine tolle Familie haben. Ich freue mich, dass wir hier auf unserem Grundstück mit vier Hühnern, einem Hund und einer Katze leben. Ich genieße es einfach! Wenn mich Freunde fragen, was ich mache, sage ich: Ich lebe!
Das hat Sie immer ausgezeichnet – Ihre Bodenhaftung, trotz großer Sprünge!
Vielleicht liegt das an meiner Einstellung. Ich finde die Leute, die vor der Kamera arbeiten, schon wichtig, aber die Leute hinter der Kamera sind doch genauso wichtig. Es ist immer ein Team. Und je höher einen die Presse hebt, desto tiefer kann sie dich fallen lassen. Ich hab meinen Job gemacht, fertig. Bei uns ging es ja nicht ums Geld, wir haben 150 Mark für eine gewonnene Weltmeisterschaft bekommen. Die Fans waren unser Leben. Die Millionen Menschen, die zu Holiday on Ice gegangen sind, davon haben wir gelebt.
Machen Sie noch Sport?
Ich gucke Sport im Fernsehen.
Verstehe. Und so eine kleine Pirouette auf dem Eis?
Da fordere ich meinen Körper nicht heraus. Jeder Sportler hat seine Zeit, und wenn sie vorbei ist, ist es vorbei. Wenn man glaubt, man könnte noch einen Baum ausreißen, endet das meistens tragisch.
Na gut. Aber Sie gehen am Meer spazieren.
Natürlich! Am Strand – das ist halt einfach ein anderes Leben! Aber ich bin genauso gern in München am Viktualienmarkt, wenn es nicht gerade schüttet. Schön ist es da, wo man sich wohlfühlt, und man kann sich überall wohlfühlen.
Interview: Ulrike Schmidt