Mainz – Vor 60 Jahren begann in der University of Pennsylvania in den USA die Erforschung des Moleküls RNA, um herauszufinden, ob sich daraus ein Medikament entwickeln lässt. Lange Zeit galt die RNA als untauglich für die Praxis. Bis es der Biochemikerin Katalin Kariko und dem Immunologen Drew Weissmann gelang, ein stabileres RNA-Molekül herzustellen, die sogenannte Messenger-RNA oder auch mRNA. Damit können neue Informationen in eine Zelle transportiert werden, ohne dass diese sofort zerfällt. Der Siegeszug der neuen Medizintechnologie war damit geboren.
Inzwischen habe die mRNA-Technik schon Millionen Menschen das Leben gerettet, erklärt die Hamburger Dokumentarfilmerin Larissa Klinker. Sie fragt in ihrem Film „mRNA – Hype oder Hoffnung?“ nach den Chancen und Risiken der neuen Technik am Beispiel von Covid-19, Grippe, Krebs- und Herzleiden sowie multifunktionalen Anwendungen gegen mehrere Mutanten. Zu sehen ist die Doku in der 3Sat-Mediathek.
Auf dem Weg zur 9. internationalen mRNA Health Conference im November 2021 in Berlin erzählt Katalin Kariko in der Doku, dass es bis vor zwei Jahren noch sehr schwierig war, Kapital für mRNA aufzubringen. Wenn sie Leute früher von ihrem Forschungsgebiet RNA erzählte, habe sie meistens nur Mitleid geerntet, „weil sie sich so leicht zersetzt und schwer zu isolieren ist“.
Jetzt sei die aus Ungarn stammende Amerikanerin der Star der Konferenz und so etwas wie die Superheldin der mRNA-Szene. Kariko räumt einen Wissenschaftspreis nach dem anderen ab, ist im Vorstand von Biontech und wurde bereits für den Nobelpreis vorgeschlagen.
Im Universitätskrankenhaus Hamburg sprach Klinker mit dem Virologen Julian Schulze zur Wiesch. Er setzt seit zwei Jahren auf die mRNA-Technologie und arbeitet verstärkt an einem Impfstoff gegen Grippe. Man könne damit sehr schnell große Mengen Impfstoff herstellen und bei Bedarf auch mit SARS-CoV-2 kombinieren, erklärt er. Ein Hindernis sei aber noch die Fehleranfälligkeit der neuen Technologie und die Notwendigkeit zum Aufbau von Kühlketten.
Ein Grippeimpfstoff auf mRNA-Basis wird sicher kommen, bestätigt auch der Immunologe und Mitbegründer von Biontech Mainz, Ugur Sahin: „Da müssen wir ja nicht viel ändern. In unserem Impfstoff nehmen wir den Pfad der genetischen Information raus, der für das Corona-Virus codiert ist, und bringen dafür die Merkmale des Grippevirus rein“. Klinische Studien dazu liefen bereits. Eine andere mögliche Anwendung der mRNA-Impfstoffe sieht Sahin bei Herzinsuffizienz Zellen so zu verändern, dass diese sich wieder regenerieren. Oder im Fall von Autoimmunerkrankungen „dem Immunsystem beibringen, was es nicht tun soll“.
Klinker stellt noch weitere Forschungsansätze vor: In Göteborg und München wird ebenfalls an mRNA-Medikamenten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen geforscht und in Bochum an einem Darmkrebs-Vakzin. Deutschlandweit könnten sich Patienten derzeit in Darmkrebs-Zentren wie in Bochum testen lassen, ob sie geeignet sind, an einer Studie dazu teilzunehmen.
„Die Erwartungen vieler in die mRNA-Medizin sind beinahe ebenso groß wie bei manchen die Furcht davor“, resümiert die Dokumentarfilmerin. Die Technik habe zwar schon große Dienste in der Corona-Pandemie geleistet, stehe aber in vielen Bereichen noch am Anfang. HEIDE-MARIE GÖBBEL