Der Herr Professor macht Schrott wieder flott

von Redaktion

VON LEONIE HUDELMAIER

München – Der kleine, dunkle Raum ist mit Werkzeugen übersät. Direkt neben der Tür hängen bunte Zangen, Scheren und Pfeifenputzer. Auf den Regalen an den Wänden stehen Messinstrumente und andere Gerätschaften. Wie eine Art Bühne wird der Werkstatttisch von beiden Seiten beleuchtet. Dort sitzt – schick gekleidet in Hemd und Weste – Professor Wolfgang Heckl und führt seinen qualmenden Lötkolben vor. „Ich kann kaputte Sachen nicht wegschmeißen“, sagt der Generaldirektor des Deutschen Museums.

Egal, was kaputt geht, Heckl, 63, nimmt sich der Sache an. Seine Haltung ist dabei stets: „Ich will’s probieren – es ist eine Herausforderung.“ Sein aktuelles Projekt ist der Radiowecker seiner Tochter, der ein brummendes Geräusch von sich gibt. Bereits aufgeschraubt liegt er da, wie ein Patient auf dem OP-Tisch. Die vorläufige Diagnose: Der Trafo ist nicht hochwertig genug und brummt deshalb.

Heckl ist ein leidenschaftlicher Reparierer. Das ist allerdings eine Spezies Mensch, die in Zeiten der Wegwerfgesellschaft immer seltener geworden ist. Dagegen wollen Deutschlands Spitzenpolitiker jetzt was unternehmen. Die bayerischen Grünen haben gerade gefordert, dass jeder Bürger in Bayern einen Reparaturbonus von bis zu 200 Euro bekommen soll, um das Smartphone oder den Toaster wieder zum Laufen bringen zu lassen. SPD, Grüne und FDP haben im Koalitionsvertrag sogar ein „Recht auf Reparatur“ angekündigt. Deutschland soll wieder das Land der Aufschrauber, Abdichter und Denker werden.

Heckl muss man nicht mit Anreizen locken. Er repariert von Herzen. Seine Arbeitsfläche ist zwar klein und vollgestellt, aber trotzdem bestens organisiert. In durchsichtigen Schubkästen sind die unterschiedlichsten Schrauben zu finden, darüber hängen die passenden Schraubenzieher. Dieses Kämmerlein direkt neben dem Wohnzimmer im eigenen Haus in München ist sein Reich. Die Düsterheit und der Lötkolben-Qualm haben fast schon etwas Mystisches. Schon als Bub in der Werkstatt seines Vaters werkelte er herum, erzählt er.

Im Schnitt repariert Heckl ein Teil pro Tag. Viele Stücke sind vom Flohmarkt, die Liste ist lang: Jukeboxen, Handstaubsauger, Schuhe, Lampen oder auch mal die eigene Heizungsanlage. Wenn eine Reparatur geglückt ist, ist es „ein Glücksgefühl, etwas gekonnt und der Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzt zu haben“, sagt er.

Doch bei der Frage „reparieren oder doch entsorgen?“ entscheiden sich viele Verbraucher für ein neues Produkt und der kaputte Vorgänger wandert in den Müll. 2019 hat jeder Deutsche fast 20 Kilo Elektro-Schrott produziert. Weltweit sind 2019 53,6 Millionen Tonnen zusammengekommen, was ein Wachstum von 21 Prozent innerhalb von fünf Jahren bedeutet.

Um dem Schrott entgegenzuwirken, gibt es vor allem eine Möglichkeit: Den Produkten ein zweites Leben schenken. Heckl, Professor für Experimentalphysik, hat sein ganzes Tüftelwissen in einem Buch zusammengefasst. In seinem Bestseller „Die Kultur der Reparatur“ spricht er bei der stets anwachsenden Reparatur-Bewegung von „einem aktiven Protest, auch gegen wachsende Müllberge – deren Ausmaße gerade in der Dritten Welt zunehmen, in die der Westen seinen Elektroschrott verschifft“. In diese Wegwerfgesellschaft seien wir so reingeschlittert, sagt er, denn bis vor etwa 50 Jahren noch stand eine Reparatur außer Frage. Heutzutage sei es so einfach und so billig, sich gegen eine Reparatur zu entscheiden. Heckl geht jedoch davon aus, dass es nicht so bleiben wird: „Wenn die Ressourcen-Krise zunimmt, wird alles viel teurer.“

Für Heckl geht das Reparieren aber auch über das bloße Instandsetzen von Dingen hinaus: „Zum einen ist es eine wunderbare Beschäftigung, zum anderen ein soziales Projekt, sich um die Zukunft der Menschheit zu kümmern und etwas von anderen zu lernen.“ Als Physiker blickt er auch mit einer wissenschaftlichen Sicht auf den Vorgang: „Reparatur fördert analytische und logische Denkweisen. Die Natur nimmt mich an die Hand und sagt zu mir, wo es langgeht“, sagt er. „Reparatur ist Kulturtechnik, weil sie eigentlich das gesamte Menschenleben umfasst und auch eine Kunst, weil man kreativ sein muss.“

Geleitet wird der Generaldirektor des Deutschen Museums stets von seiner Vorliebe für alte, erhaltenswerte Sachen. So trägt er noch immer den Anzug seines Großvaters, wie er stolz erzählt. „Alte Dinge sind schon deshalb gut, weil sie bewiesen haben, dass sie alt geworden sind“, lautet sein Glaubensbekenntnis.

Doch heutzutage werden viele Produkte gar nicht erst alt. Weltweit machen Kleingeräte wie Staubsauger oder Wasserkocher den größten Anteil an Elektroschrott aus. Dass Kleingeräte weniger repariert werden, liegt auch daran, dass sich verschweißte Gehäuse im Falle eines Defekts nicht öffnen lassen. Das bestätigt auch Hartwig von Bülow von der Handwerkskammer für München und Oberbayern: „Handwerker wollen gerne reparieren, dafür muss es aber auch reparierbar sein“, sagt der Doktor der Ingenieurwissenschaften. Die Verbraucherzentrale rät deswegen, bei einem Neukauf darauf zu achten, dass die Gehäuse Schrauben enthalten. Denn schon ab einem Kaufpreis von 50 Euro kann sich eine Reparatur lohnen.

Es gibt auch schon Vorreiter in der Region: Die Starnberger Abfallwirtschaft bietet seit diesem Jahr einen Reparaturbonus für Elektrogeräte an. 20 Prozent der Reparaturkosten oder maximal 50 Euro pro Person und Jahr werden übernommen. Die meisten Anfragen gab es zuletzt für defekte Kühlschränke oder zersprungene Smartphone-Displays.

Wer einmal seine Liebe zur Tüftelei gefunden hat, dem gehen die Aufgaben nie aus. „Jeden Tag steht auf einem Zettel, was für neue Reparaturen anstehen“, sagt Wolfgang Heckl. Nicht immer geht es dabei darum, die Welt neu zusammenzusetzen. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die erledigt werden müssen. Auf seiner Liste steht zum Beispiel, dass er dringend den Wasserhahn entkalken muss.

Artikel 5 von 5