Simon Kölbl ist Experte in Sachen Partnersuche auf dem Land. Seit sechs Jahren engagiert sich der 28-jährige Chemietechniker als Vorstand bei der Burschenschaft in Raisting im Kreis Weilheim-Schongau. Am Kirchweihmontag im Oktober stellt der Verein jedes Jahr den legendären Betteltanz auf die Beine – eine traditionelle Verkupplungsveranstaltung im Oberland, bei der Paare für einen Tag miteinander verbandelt werden. Im Gespräch erzählt Kölbl, wo sich junge Liebessuchende heute noch begegnen – und warum der über 100 Jahre alte Brauch gerade aktueller ist denn je.
Herr Kölbl, haben Sie beim Betteltanz schon einmal ein Paar verkuppelt, das dann vor dem Altar gelandet ist?
Ich kenne schon Betteltanz-Paare, die jetzt verheiratet sind. Früher gab es auch immer wieder Paare, die sich da kennengelernt und dann geheiratet haben. Persönlich habe ich aber noch kein Pärchen vor den Altar gebracht.
Wie läuft so ein Betteltanz ab?
Anfang September werden immer zwei Ruatenbuam gewählt, die sechs Wochen lang junge Madln und Burschen aus dem Oberland für den Betteltanz werben. Nur sie wissen, welche Paare miteinander verkuppelt werden. Am Kirchweihmontag treffen sich die Mädels dann mittags beim Gasthof Drexl und marschieren mit den Ruatenbuam zum Gasthof zur Post, wo die Burschen schon warten. Die Paare werden verkuppelt und verbringen den Tag miteinander. Es machen immer zwischen 100 und 120 Paare mit. Abends ist der Saal dann auch für die Öffentlichkeit zugänglich.
Wie lange gibt es den Brauch denn schon?
Das ist nicht genau datiert, aber auf jeden Fall mehr als 100 Jahre. Früher gab es den Betteltanz in mehreren Ortschaften, in Raisting hat er sich einfach sehr lange gehalten. Der Brauch ist der Tatsache geschuldet, dass es auf dem Land früher schlichtweg wenig Veranstaltungen gab, um jemanden kennenzulernen. Gerade für Mägde oder Knechte, die den ganzen Tag nur gearbeitet haben, war der Betteltanz eine der wenigen Chancen im Jahr, auch mal rauszukommen.
Heute ist es ähnlich. Wegen Corona gibt es kaum noch Möglichkeiten, sich kennenzulernen.
Leider gibt es gerade wieder wenig Veranstaltungen. Für die jungen Leute ist das Kennenlernen heute also ähnlich schwer wie früher.
Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse am Betteltanz deshalb wieder besonders groß ist?
Ja. Beim letzten Betteltanz im Oktober waren wir ehrlich gesagt überrascht, wie groß der Andrang war. Wir haben das Ganze ja sehr kurzfristig auf die Beine gestellt, weil wir lange abwarten mussten, wie die Maßnahmen sind. Es war dann ein reiner Tanzabend, ohne das traditionelle Verkuppeln. Uns war es wichtig, den Betteltanz in irgendeiner Form stattfinden zu lassen. Und für die jungen Leute sollte einfach wieder etwas los sein. Der Saal war dann voll.
Rechnen Sie damit, dass Ihnen die Teilnehmer auch heuer die Bude einrennen?
Da sind wir zuversichtlich, ja (lacht). Sobald wieder was los ist, wollen die Leute raus und was machen. Wir hoffen darauf, dass wir den Maibaum aufstellen und ein Weinfest veranstalten können.
Wo können sich junge Menschen gerade sonst kennenlernen?
Viele sitzen mehr privat zusammen, wo es auch funken kann. Insgesamt werden die wenigen Feiern und Veranstaltungen, die es momentan gibt, viel intensiver genutzt als sonst. Und natürlich hat auch das Online-Dating ziemlich Hochkonjunktur. Ich kenne einige Paare, die sich im Internet kennengelernt haben.
Interview: Theresa Kuchler