Abzocke statt Traumurlaub: Opfer berichten

von Redaktion

VON SUSANNE BÖLLERT

Starnberg – Die Villa Augustin in Maspalomas im Süden Gran Canarias ist zu schön, um wahr zu sein. Der beheizte Pool, der Meerblick, das Home-Cinema, der große Garten mit Billardtisch – das alles verspricht einen traumhaften Urlaub über Weihnachten, wenn Deutschland wieder im Winter-Corona-Blues versinkt. Die Vorfreude ist riesig. Exakt bis zu dem Moment, in dem sich der Traumurlaub in einen Albtraum verwandelt.

Direkt nach der Landung auf Gran Canaria wird zwei Familien aus dem Kreis Starnberg klar: Die Villa Augustin ist weder schön noch wahr. Sie gibt es schlicht nicht. Man ist professionellen Betrügern aufgesessen, die auf mehreren Websites nicht existente Luxusvillen auf Gran Canaria und Teneriffa anbieten. Die Seiten heißen: www.canaryislands-booking.com, villas-canaryislands.com oder www.marwilalquileres.com.

Das alles passiert zu einem Zeitpunkt, als es auf den Kanaren kaum noch Domizile gibt, weil sehr viele urlaubsreife Mitteleuropäer angesichts der Omikron-Warnungen auf Fernreisen verzichten und für ihren Winterurlaub lieber auf das sonnigste Eck Europas setzen.

Doch was hat den Traum zum Platzen gebracht? Ein kleines, nicht unerhebliches Detail: Den Urlaubern fehlt die genaue Adresse Ihrer Unterkunft. Bislang sind die Bayern von einem Versehen ihrer sonst so zuverlässigen Ansprechpartnerin ausgegangen. Mit „Raquel Vidal“ hatten sie über mehrere Wochen hinweg regen E-Mail-Verkehr gepflegt, über das Soundsystem im Haus gefachsimpelt, Mietwagenoptionen besprochen. Sogar einen stattlichen Rabatt hat sie den Urlaubern gewährt und versichert, dass pandemiebedingt bis zu 48 Stunden vor Reiseantritt storniert werden könne – mit voller Geld-zurück-Garantie.

Doch als auch nach Ankunft am Flughafen die Adresse der Villa noch immer nicht im E-Mail-Postfach gelandet ist und unter der angegebenen Telefonnummer wieder nur der Anrufbeantworter anspringt, stirbt auch die letzte Hoffnung: Kein Mitarbeiter der angeblich auf der Nachbarinsel ansässigen Agentur Marvil Tenerife S.L., die hinter den Internetseiten steckt, wartet mit dem üblichen großen Schild auf die acht Deutschen.

Statt die Villa zu beziehen, geht’s also direkt zur Flughafenpolizei, um Anzeige wegen Internetbetrugs zu erstatten. 6000 Euro für über zwei Wochen Urlaub, vorab überwiesen, sind verloren. Ein sofort gestarteter Überweisungsrückruf der Bank hat – erwartungsgemäß – keinen Erfolg. Mehr noch als das in den Sand gesetzte Geld schmerzt es die Starnberger, von skrupellosen Kriminellen über eine solch lange Zeit hinweg hinters Licht geführt worden zu sein.

„Leider nehmen solche Fake-Buchungen zu“, sagt Carlos Escobio, Inhaber der seit vielen Jahren etablierten Agentur „Villa Gran Canaria“. „Ich gehe inzwischen von Dutzenden solcher Fälle pro Jahr aus, in denen Urlauber um viel Geld gebracht werden und die dann ohne Unterkunft dastehen. Für viele bedeutet das gleich wieder das Ende ihrer Ferien, weil sie sich keine zweite Buchung leisten können.“

Auch dem Image der Kanarischen Inseln schadeten diese Betrugsfälle massiv, fürchtet Escobio. Leider warnt weder der Kanarische Tourismusverein vor der boomenden Betrugsmasche im Internet, noch konnte die örtliche Polizei bislang einen Ermittlungserfolg gegen die international agierenden Fake-Agenturen erzielen. „Was ich nicht verstehe, ist, wie man so viel Geld an Unbekannte überweisen kann“, sagt Escobio über die Gutgläubigkeit der Touristen.

Felix Beilharz ist Social-Media-Experte. Er hält Vorträge auf der ganzen Welt. „Die meisten Menschen fallen auf solche Betrügereien herein, weil sie wollen, dass es wahr ist, dass es dieses super Angebot gibt“, sagt er. Durch Preisnachlässe oder sonstige Entgegenkommen werde häufig zusätzlich das kritische Denkvermögen ausgeschaltet. Im Rahmen einer Buchrecherche ist Beilharz auf zahlreiche Fake-Ferienhausvermittlungen gestoßen, von denen es immer mehr gebe, seit Corona die Zahl der Online-Buchungen in die Höhe treibe. „Inzwischen sind diese Fake-Shops und -Vermittlungen im Darknet schlüsselfertig für ein paar 1000 Euro zu kaufen“, sagt er. Er warnt: „Mit vollständigem Impressum, SSL-Verschlüsselung, Vermittlungsbedingungen, AGBs, E-Mail-Adressen und Telefonnummern sind sie kaum noch von seriösen Seiten zu unterscheiden.“

Besonders perfide im Fall der oberbayerischen Gran-Canaria-Urlauber: Erfundene Kunden berichten von ihren angeblichen Traumurlauben mit Marwil Tenerife S.L. Auch der detaillierte Vertrag, der den beiden Familien zugesandt wurde, wirkt auf Beilharz erst einmal vertrauenswürdig. So sind Name und Personalausweisnummer der angeblichen Villen-Besitzerin beziehungsweise Kontoinhaberin genannt sowie die vollständige Agenturadresse inklusive Umsatzsteuer-ID. Dass die Urlauber die geforderte Summe gezahlt haben, hält Beilharz für nachvollziehbar. „Man geht ja nicht per se davon aus, betrogen zu werden und ermittelt, ob die Daten stimmen.“ Trotzdem, sagt er, sei gerade bei unbekannten Plattformen eine gesunde Portion Misstrauen immer angebracht.

Zwei der Internetseiten, die die Betrüger nutzen, waren schon kurz nach dem Weihnachtsgeschäft nicht mehr zu erreichen. Die Seite www.villas-canaryilands.com preist dagegen noch gestern ihre Urlaubsvillen zu Last-Minute-Preisen an. Es gibt ein Traumhaus mit Pool und Palmen für 189 Euro die Nacht. Oder darf es lieber die „Villa Quinrense“ auf Teneriffa sein? Meerblick, 1000 Quadratmeter Wohnfläche, fünf Badezimmer, Boot auf Anfrage, 890 Euro pro Nacht. Verlockend, aber leider komplett erfunden.

Im Frühling dürfte die Zahl der Reise-Fake-Portale noch mal nach oben gehen, vermuten Experten. Schließlich wächst die Sehnsucht der urlaubsreifen und coronageplagten Mitteleuropäer nach einem sorgenlosen Sommertrip mit jedem Tag.

Die beiden Starnberger Familien haben übrigens doch noch ihr Glück auf Gran Canaria gefunden. Der seriöse Vermittler Carlos Escobio hat ihnen eine herrliche Villa, diesmal eine echte, in Arucas im Norden der Insel besorgt – mit Pool, Tennisplatz und dazu noch inmitten einer Bananenplantage. Trotz eines kleinen Preisnachlasses waren die doppelten Kosten natürlich nicht unerheblich, aber wenigstens ist der ersehnte Urlaubstraum am Ende doch noch in Erfüllung gegangen.

Artikel 4 von 4