Kiew/München – Es scheint nur eine Frage der Zeit. Experten rechnen damit, dass das militärisch übermächtige Russland Kiew bald eingenommen haben wird. Ob die Truppen dann stoppen oder weiter nach Westen vorstoßen, ist eine offene Frage. Die Kämpfe in und um Kiew sind aber heftig, der Widerstand scheint groß. Am Freitag war die Hauptstadt nicht gefallen.
Die Angst auf den Straßen ist allgegenwärtig. Unbestätigte Handyvideos zeigen heftige Explosionen in der Nacht, ein weiteres Frauen, die eng zusammengedrängt in einem Keller oder Schutzraum Gitarre spielen und singen. Außenminister Dmytro Kuleba sprach von „schrecklichen russischen Raketenangriffen“ auf die 2,8-Millionen-Einwohner-Metropole.
Erste Gefechte in der Hauptstadt Kiew
Ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete, mit Sturmgewehren bewaffnete Patrouillen seien in der Innenstadt unterwegs. Straßen und Plätze seien leer. Ein Bild-Reporter erklärte, russische Kampfhubschrauber würden Truppen absetzen. „Diese Truppen sind heute Morgen teilweise in die Hauptstadt vorgedrungen – konnten aber zunächst besiegt werden.“
Russische Einheiten versuchen offenbar, aus verschiedenen Richtungen in die Stadt zu gelangen. Vorstöße wurden aus Tschernihiw, Konotop, Dymer sowie Iwankiw gemeldet, alles Orte nahe Kiew. Die ukrainische Armee teilte mit, die russischen Einheiten an mehreren Stellen erfolgreich zurückgedrängt zu haben. Auch den Militärflugplatz in Hostomel nahe Kiew habe man zurückerobert – unter schweren Verlusten der russischen Armee. Meldungen, die nicht bestätigt sind.
Erste Gefechte soll es bereits auch im Kiewer Stadtteil Obolon gegeben haben. Frauen und Kinder, die nicht geflohen sind, suchen Schutz in Kellern oder im U-Bahn-System, sobald die Sirenen heulen. Viele Männer würden bleiben, um zu kämpfen, heißt es. „Zehntausende von Menschen in Kiew werden mit Schusswaffen und Molotowcocktails ausgestattet. Das gilt auch für das Militär“, schreibt der ukrainische Reporter Illia Ponomarenko auf Twitter. „Ich habe absolut keine Ahnung, wie die Russen diese Stadt einnehmen sollen. Der Widerstand ist wahnsinnig.“
Das Verteidigungsministerium rief die Bevölkerung auf, sich zum Kampf vorzubereiten und Sichtungen über russische Militärtechnik zu melden. Einwohner sollten ihre Wohnungen nicht verlassen. In der ganzen Ukraine sollen die Menschen ihre Ablehnung gegenüber den Invasoren zeigen. „Kommt mit ukrainischen Flaggen auf die Straßen, filmt die russischen Besatzer. Zeigt ihnen, dass sie hier nicht erwünscht sind, dass ihnen jeder Widerstand leisten wird“, hieß es in einem emotionalen Appell.
Auch Klitschko will zur Waffe greifen
Vitali Klitschko ist ebenfalls fest entschlossen. Der frühere Profiboxer ist heute Bürgermeister von Kiew und will mit aller Macht seine Heimat verteidigen – auch wenn er selbst gegen russische Soldaten zur Waffe greifen muss. „Ich habe keine andere Wahl. Ich muss das tun“, sagte der einstige Schwergewichtsweltmeister bei „Good Morning Britain“ im englischen Fernsehen. Nach dem Überfall tobe bereits „ein blutiger Krieg. Es sind schon Ukrainer gestorben. Wir wissen nicht wie viele“, sagte der 50-Jährige. Die Lage sei bedrückend: „Es tut weh. Es tut wirklich weh. Wir stehen einer der größten und stärksten Armeen der Welt gegenüber, aber wir müssen unsere Familien verteidigen, unser Land, unsere Städte“, betonte Klitschko. Mit seinem Bruder Wladimir (45), früher ebenfalls Profi-Boxer, veröffentlichte Klitschko bei Instagram zudem einen Video-Appell, in dem beide die Welt zum Handeln auffordern (siehe auch Sport).
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte in einer Videobotschaft, der Angriff auf Kiew diene vor allem dazu, ihn zu stürzen. „Nach unseren Informationen hat mich der Feind zum Ziel Nr. 1 erklärt, meine Familie zum Ziel Nr. 2“, sagte er. „Ich werde in der Hauptstadt bleiben. Meine Familie ist auch in der Ukraine.“
Am Abend zeigte sich Selenskyj mit weiteren ranghohen Politikern im Regierungsviertel von Kiew. Er sei gemeinsam mit Ministerpräsident Denys Schmyhal sowie den Chefs der Präsidialverwaltung und des Parlaments in der ukrainischen Hauptstadt, sagte Selenskyj in einem kurzen Clip auf Facebook.
Damit reagierte Selenskyj, auf Gerüchte, er verstecke sich in einem Bunker oder habe die Stadt verlassen. Dass es um einen Regierungswechsel geht, daraus macht Russland keinen Hehl. „Wir sehen keine Möglichkeit, eine Regierung als demokratisch anzuerkennen, die ihr eigenes Volk unterdrückt und Völkermord-Methoden anwendet“, sagte Außenminister Sergej Lawrow am Freitag in Moskau. Man wolle eine Regierung, die „die ganze Vielfalt der Ukraine repräsentiert“. Nach der Wiederherstellung der „demokratischen Ordnung“ seien Verhandlungen möglich, so Lawrow am Freitag.
Russland sprach von mindestens 118 „außer Gefecht“ gesetzten ukrainischen Militärobjekten. Selbst habe man überhaupt keine Verluste. Die Ukraine sprach von 30 zerstörten russischen Panzern, 130 Panzerfahrzeugen, 7 Flugzeugen und 6 Hubschraubern. 1000 russische und 137 ukrainische Soldaten seien gefallen. (mit dpa/afp)