Medyka-Schehyni – Die letzten 15 Kilometer bis ins rettende Polen ging Halina Drohantschuk mit ihren Kindern zu Fuß. Jetzt steht sie auf einem wuseligen Parkplatz auf der polnischen Seite des Grenzübergangs Medyka-Schehyni. Das jüngste Kind, die dreijährige Sofia, sitzt in einem Buggy. Die beiden Söhne Bogdan (12) und Viktor (11) haben ihre Schulrucksäcke und Turnbeutel geschultert. „Vielleicht helfen uns gute Menschen“, sagt Halina. Am Vorabend ist die 37-Jährige in der westukrainischen Stadt Lwiw aufgebrochen, auf der Flucht vor der russischen Invasion. Ihr Mann Iwan, der sie ein Stück mit dem Auto gebracht hatte, musste zurückbleiben. „Sie lassen ihn nicht raus, er ist im wehrfähigen Alter.“
Nach ukrainischen Behördenangaben dürfen männliche Staatsbürger im Alter von 18 bis 60 Jahren das Land nicht verlassen. Man werde sie nicht über die Landesgrenze lassen, sagte der Leiter der ukrainischen Zollbehörde.
Auf bis zu vier Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine stellen sich die Vereinten Nationen ein, sollte sich die Situation weiter verschlechtern. Schon jetzt seien Tausende über die Grenzen in Nachbarländer wie Polen, Moldau, die Slowakei und auch Russland geströmt, heißt es vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Die Innenminister der 27 EU-Staaten wollen am Wochenende zu einem Krisentreffen zusammenkommen.
Noch ist die Lage in Medyka-Schehyni unter Kontrolle. Polen hat sich schon seit Längerem auf die Aufnahme von Flüchtlingen vorbereitet. Im Internet informiert die Regierung in Warschau, dass jeder aufgenommen wird, der vor einem bewaffneten Konflikt aus der Ukraine flieht.
„Krakau – kostenlos“ hat Denys auf ein Pappschild gemalt. Der 37-Jährige stammt selbst aus der Ukraine, lebt aber seit anderthalb Jahren in Polen. Am frühen Morgen hat er den spontanen Entschluss gefasst, von Krakau an die Grenze zu fahren und zu helfen. „Ich habe einen Pkw, kann vier Leute mitnehmen. Am liebsten wäre mir eine Frau mit Kindern, die es schwer hat.“ Es sind viele alleinreisende Frauen mit Kindern hier zu sehen, die ihre Männer wegen der Generalmobilmachung in der Ukraine zurücklassen mussten. Sie schieben Kinderwagen und Buggys, schleppen Rucksäcke, wuchten Rollkoffer in die Gepäckabteile der Kleinbusse.
Während immer mehr Frauen und Kinder aus der Ukraine nach Polen strömen, sind einige durchtrainierte Männer in die andere Richtung unterwegs. Wladimir (41) und sein Kollege Alexander (25) marschieren mit strammem Schritt, sie tragen neue Outdoor-Bekleidung, Stiefel und Militärrucksäcke. Ihre Holzfäller-Jobs in Estland haben sie hingeworfen, erzählen die Männer aus Tschernihiw im Norden der Ukraine. Wladimir zeigt seine Erkennungsmarke. „Ich war Unteroffizier, habe im Donbass gekämpft.“ Jetzt will er wieder an die Front. „Wir müssen uns das zurückholen, was uns gehört.“ D. HEIMANN