Warum erobert Putin Tschernobyl?

von Redaktion

Russische Fallschirmjäger sichern das ehemalige Atomkraftwerk

Tschernobyl – Es ist ein Ort, der auch ohne einen russischen Angriffskrieg Schrecken verbreitet. Tschernobyl, radioaktiv verseuchte Sperrzone an der ukrainisch-belarussischen Grenze. Bis nach Kiew sind es 70 Kilometer. Am Donnerstag haben die Russen das Gebiet erobert, seitdem stellt sich die Frage: Was wollen sie mit diesem verstrahlten Flecken Erde rund um die Reaktorruine?

Russische Fallschirmjäger sichern momentan das Gelände. Auch Spezialisten eines ukrainischen Wachbataillons sind nach Absprache weiter im Einsatz, sagte ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Gleichzeitig sagte der Mann, es gebe keine Auffälligkeiten, die radioaktiven Werte seien normal. Die zuständige ukrainische Behörde teilte allerdings mit, sie messe sehr wohl deutlich erhöhte Werte. Das liegt womöglich auch an den Bewegungen schwerer Militärfahrzeuge, durch die gerade radioaktiver Staub aufgewirbelt wird. Die USA sehen die feindliche Übernahme von Tschernobyl mit größter Sorge. „Diese unrechtmäßige und gefährliche Geiselnahme“ sei unglaublich alarmierend, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses.

Putin sichert sich mit der Atomruine offenbar einen weiteren strategischen Trumpf mit Erpressungspotenzial. Die Internationale Atomenergiebehörde forderte von allen Beteiligten „ein Höchstmaß an Zurückhaltung“. Eine ungesicherte Atomanlage berge große Gefahr. Der Unglücksreaktor könne nicht mehr als sicher angesehen werden seit er in russischer Hand ist, heißt es aus der Spitze des ukrainischen Staates. Es handele sich um „eine der ernstesten Bedrohungen für Europa“. Die Nachrichtenagentur AP berichtete sogar, dass der russische Beschuss ein Endlager für radioaktive Abfälle in Tschernobyl getroffen habe. Seit April 1986, als Block 4 des Reaktors explodierte, ging von Tschernobyl nicht mehr so viel Schrecken aus wie in diesen Tagen. STEFAN SESSLER

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