Den Ukrainern bleibt nur noch ihr Mut

von Redaktion

VON ANDREAS STEIN, VERONIKA ESCHBACHER UND AFP

Kiew/Moskau – Wenn Tatjana Kolesnik den Kühlschrank öffnet, findet sie nicht mehr viel. Ein bisschen Butter, zwei Eier, einen halben Liter Buttermilch. Ein, zwei Kilo Getreide habe sie auch noch und etwas Fleisch im Gefrierfach. „Wir Erwachsenen essen mittlerweile nur noch einmal am Tag“, schreibt die Künstlerin aus Charkiw in der Ostukraine über Facebook. „Unsere Kinder versuchen wir, noch (vor Rationierung) zu verschonen, aber sie jammern auch schon.“

An Tag fünf nach dem Einmarsch Russlands spitzt sich die Versorgungslage zu. Aus mehreren Städten berichten Menschen am Montag, es werde schwieriger, an Lebensmittel zu kommen. Bilder leerer Supermarktregale kursieren in sozialen Medien. Laut einer Liste der Kiewer Stadtverwaltung sind auf dem Gebiet der 2,8-Millionen-Einwohner-Metropole noch 37 Apotheken geöffnet. „Die nächsten Tage wird es eng mit Lebensmitteln und Medikamenten“, sagt Kiews Bürgermeister am Abend. Aus mehreren Städten werden schwere Gefechte und Explosionen gemeldet.

Ein wenig Hoffnung macht die Nachricht, dass erste Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland aufgenommen wurden. Die endeten aber wie erwartet ohne Durchbruch. „Wir reisen zu Beratungen in die Hauptstädte zurück“, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak nach dem Treffen an der belarussisch-ukrainischen Grenze. Details nannte er nicht. Beide Seiten hätten eine Reihe von Hauptthemen festgelegt, bei denen „bestimmte Entscheidungen“ getroffen werden müssten. Das Treffen dauerte etwa sechs Stunden. Auch danach wurden aus Kiew und Charkiw Explosionen gemeldet.

In Kiew hat die Stadtverwaltung neue Panzersperren aufgebaut. Bürgermeister Klitschko erklärt in einer weiteren Videoansprache, die Sicherheitskräfte hätten mehrere Sabotagegruppen ausgeschaltet und gefangen genommen. Er warnt auch Plünderer – diese würden nach Kriegsrecht ohne Vorwarnung „neutralisiert“. Die US-Regierung teilte mit, man habe Hinweise darauf, dass Russland möglicherweise die Söldnerfirma Wagner „an einigen Stellen“ einsetzt. „Es ist nicht genau klar, wo oder wie oder in welchem Maße, aber wir haben einige Anzeichen dafür gesehen, dass sie eingesetzt werden“, sagte ein hoher Beamter des US-Verteidigungsministeriums.

Der ukrainische Generalstab geht davon aus, dass Kiew weiter das Hauptziel des Angriffs ist. Zwischen den Meldungen von Krieg und Leid versuchen die Ukrainer, sich in sozialen Medien Mut zuzusprechen. Der bekannte Sänger der Gruppe Boombox, selbst in einem Freiwilligenverband zur Verteidigung Kiews, singt vor der Sophienkathedrale in Militärhose und mit umgehängter Waffe ein patriotisches Lied.

Zu einem Helden steigt unterdessen der Bürgermeister der Kleinstadt Dniprorudne auf, der mit mehreren unbewaffneten Bewohnern seiner Stadt russische Panzer dazu bringt, kehrt zu machen. Und überraschend tritt Oleksandr Ussyk, der ukrainische Boxweltmeister im Schwergewicht, ebenso dem Freiwilligenverband zur Gebietsverteidigung bei. Er stammt von der von Moskau annektierten Krim und hatte es vor dem Krieg immer vermieden, Russland zu kritisieren.

Inzwischen bekommt Putin nicht nur vom Westen Gegenwind, sondern auch von Russlands Superreichen, den sonst so staatstreuen Oligarchen. In einem am Montag veröffentlichten offenen Brief an Russlands Präsidenten schreibt der Medienmogul Evgeny Lebedev: „Als Bürger Russlands bitte ich Sie, den Zustand zu beenden, in dem Russen ihre ukrainischen Brüder und Schwestern töten.“ Lebedev, der auch die britische Staatsbürgerschaft hat, veröffentlichte den Brief in der Zeitung „London Evening Standard“, die ihm gehört. Europa stehe „am Rande eines weiteren Weltkrieges“ und die Welt vor einer „möglichen atomaren Katastrophe“, warnte er darin. Putin müsse die Verhandlungen nutzen, um „diesen schrecklichen Krieg in der Ukraine zu beenden“. „Als britischer Bürger rufe ich Sie dazu auf, Europa vor diesem Krieg zu schützen. Als russischer Patriot bitte ich Sie, den unnötigen Tod weiterer junger russischer Soldaten zu verhindern. Als Weltbürger rufe ich Sie auf, die Welt vor der Auslöschung zu schützen.“

Der Milliardär Oleg Deripaska forderte angesichts der Wirtschaftssanktionen ein „Ende des Staatskapitalismus“ in Russland. „Das ist eine echte Krise, und wir brauchen echte Krisenmanager“, erklärte der Gründer des Aluminiumkonzerns Rusal auf Telegram. Zuvor hatten auch die Milliardäre Oleg Tinkow und Michail Fridman deutliche Kritik am Krieg geübt.

Einer der reichsten Männer Russlands, der Oligarch Roman Abramowitsch, wurde nach Angaben einer Sprecherin von ukrainischer Seite um Hilfe gebeten. Er sei kontaktiert worden, „um bei der Suche nach einer Lösung zu helfen und bemüht sich nun zu helfen“.

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