Berlin/Washington – Die Eskalation in der Ukraine war offenbar von langer Hand geplant. Wladimir Putin hat gezielt darauf hingearbeitet, Deutschland und Europa erpressbar zu machen. Laut eines Berichts des ZDF-Magazins „Frontal“ hat Gazprom schon ab April des vergangenen Jahres keine kurzfristigen Verträge mehr angeboten. Der russische Staatskonzern drosselte die Lieferungen und füllte die konzerneigenen Gasspeicher in Deutschland auch nicht mehr auf. Die Märkte gerieten schnell in Panik – die Preise für eine Megawattstunde Gas verneunfachten sich in wenigen Monaten. Putin hat Deutschland absichtlich in die Gas-Klemme gebracht. Es war ein Teil seines Krieges gegen die Ukraine. Durch die Abhängigkeit von russischer Energie wollte er die Bundesrepublik offenbar aus dem Spiel nehmen. Das war Putins Kalkül – das offenbar nicht vollends aufgeht.
Es ist nicht die einzige Fehleinschätzung, die dem Mann im Kreml unterlaufen ist. Der Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, William Burns, sagte gerade erst düstere Wochen voraus. „Ich glaube, Putin ist im Moment wütend und frustriert“, sagte er im US-Kongress. „Er wird wahrscheinlich noch einen draufsetzen und versuchen, das ukrainische Militär ohne Rücksicht auf zivile Opfer zu zermalmen.“
Eine nachhaltige Lösung für Putin sei nicht in Sicht, sagte der CIA-Chef. Es sei nicht absehbar, wie er in der Ukraine ein Marionettenregime oder eine pro-russische Führung aufrechterhalten könnte, die er gegen den massiven Widerstand der ukrainischen Bevölkerung zu installieren versuche. Für Putin sei der Angriff auf die Ukraine eine Angelegenheit von tiefer persönlicher Überzeugung. „Seit vielen Jahren schwelt in ihm eine explosive Mischung aus Gram und Ambitionen“, sagte Burns. „Er hat ein System geschaffen, in dem sein eigener Beraterkreis immer enger wird. Covid hat diesen Kreis noch enger gemacht. Und es ist ein System, in dem es sich nicht als karrierefördernd erweist, wenn jemand sein Urteil in Frage stellt oder herausfordert.“
Bei seiner Entscheidung für einen Angriff habe sich der russische Präsident komplett verkalkuliert, argumentierte der Geheimdienst-Chef. Der russische Präsident ist der CIA zufolge vier großen, strategische Irrtümern aufgesessen. Putin habe gedacht, die Ukraine sei schwach und leicht einzuschüchtern (Fehler 1). Zum anderen habe Putin wohl vermutet, die Europäer, insbesondere die Franzosen und die Deutschen, seien durch die Wahlen in Frankreich und den Führungswechsel in Deutschland abgelenkt und risikoscheu (Fehler 2). „Drittens glaubte er, seine Wirtschaft sanktionssicher gemacht zu haben.“
Außerdem sei der Kremlchef zuversichtlich gewesen, dass er sein Militär modernisiert habe und es in der Lage sei, einen schnellen Sieg zu minimalen Kosten zu erringen (Fehler 4). All diese Einschätzungen hätten sich als falsch erwiesen. sts/dpa