Der Ukraine-Krieg – warum er Geretsried so sehr umtreibt

von Redaktion

In der Vertriebenenstadt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen leben 114 Nationen zusammen, darunter Russen und Ukrainer

VON SUSANNE WEIß

Geretsried – Der Zufall wollte es wohl, dass Pfarrer Georg Bücheler einen Gesprächsfetzen aufgeschnappt hat, der ihn zum Nachdenken brachte. Der evangelische Theologe wohnt direkt gegenüber dem Spielplatz am Künnekeweg in Geretsried. Kurz nachdem russische Soldaten die Ukraine angegriffen hatten, hörte er dort, wie ein Bub zum anderen sagte: „Für wen bist du? Für die Russen oder die Ukrainer?“

Man mag vielleicht schmunzeln. Es sind ja Kinder. „Aber es ist nicht zum Schmunzeln. Kinder sind das Spiegelbild dessen, wie zu Hause über das Thema gesprochen wird“, betont Bücheler. zu Hause, das ist für viele Bürger der Vertriebenenstadt eben nicht nur Geretsried. 114 Nationen leben laut Stadt hier zusammen. Darunter sind auch Menschen mit russischen und ukrainischen Wurzeln. Menschen, die einen direkten Bezug zu den beiden Ländern haben, die sich 19 Autostunden entfernt bekriegen. Birgt das Konfliktpotenzial?

Patrick Schmook ist als Streetworker viel im Stadtgebiet unterwegs. In den vergangenen Tagen hat er die Jugendlichen, die er traf, gezielt auf den Krieg angesprochen. „Ich habe grundsätzlich eine akzeptierende Haltung. Ich wollte ihre Gedanken dazu hören“, schickt der Sozialpädagoge vorweg. Was ihm aufgefallen ist: Die Jugendlichen würden sich sehr unterschiedlich zu dem Konflikt positionieren, insbesondere zu den Konfliktparteien. „Keiner, mit dem ich gesprochen habe, heißt Krieg gut“, betont Schmook. Es gebe aber Jugendliche, die den russischen Standpunkt verstehen. „Ich denke, das hängt mit dem Elternhaus und den Medien zusammen, die konsumiert werden.“

476 Geretsrieder haben einen russischen, 82 einen ukrainischen Pass. „Das ist sicher ein Alleinstellungsmerkmal. In anderen Städten ist die Diversität nicht so hoch“, vermutet Schmook. Ob das zu Konflikten führen könnte, vermag der Streetworker nicht klar festzumachen. Er habe noch nicht mit Jugendlichen mit ukrainischen Wurzeln gesprochen. Diejenigen mit russischem Hintergrund erzählten ihm aber, dass sie mit der Politik Wladimir Putins in Zusammenhang gebracht würden. „Sie sind Anfeindungen ausgesetzt.“

Von Spannungen hat auch Sabine Lorenz gehört. Einen konkreten Fall von Auseinandersetzung habe es ihres Wissens aber nicht gegeben. „Ich hoffe, dass das so bleibt“, sagt die Integrationsbeauftragte im Stadtrat. Und sie ist optimistisch. „Die Geretsrieder Bürger sind tolerant und leben gut zusammen.“ Damit das so ist und bleibt, finanziert die Stadt mehrere Maßnahmen zur Integration. „Wir sind gut aufgestellt.“

2015 und in den Folgejahren sind viele Asylbewerber in Geretsried untergekommen. Seit ein paar Wochen versuchen alle mit vereinten Kräften, afghanischen Ortskräften einen guten Start in ihrer neuen Heimat zu ermöglichen. Gut 100 Frauen, Männer und Kinder sind im Übergangswohnheim an der Jahnstraße untergebracht. Nun stellt die Stadt die Adalbert-Stifter-Turnhalle für die Erstaufnahme von Ukraine-Flüchtlingen bereit. Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen rechnet mit 500 bis 1200 Menschen, die Entwicklung ist bekanntlich dynamisch. Für die Stadt ist es keine Frage, sich auch dieser Herausforderung wieder zu stellen. „Es gehört zur DNA der Geretsriederinnen und Geretsrieder, zu helfen“, betont Bürgermeister Michael Müller.

Als Sabine Lorenz in der Schule war, seien viele Polen in ihre Klasse gekommen. „Wir kennen es nicht anders“, sagt sie. Maßgeblich aufgebaut haben die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg Heimatvertriebene. Bis 2014 gab es im Stadtteil Stein eines der größten Übergangswohnheime für Spätaussiedler, unter anderem aus Russland, in Bayern. „Viele sind geblieben, weil es sich in der Stadt gut leben und arbeiten lässt und nicht diskutiert wird, wenn jemand eine andere Sprache spricht.“

Auch weil viele Geretsrieder aufgrund der Stadtgeschichte genau wissen, was Krieg bedeutet, hat das Rathaus kürzlich ein Friedenskonzert veranstaltet. Dort hat Pfarrer Georg Bücheler auch von den zwei Buben am Spielplatz erzählt. Er appellierte an die Erwachsenen, ihren Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Sorgfältig mit Sprache umzugehen. Keine Feindbilder entstehen zu lassen. Bücheler: „Das ist nicht der Krieg der russischen oder ukrainischen Nation. Was da passiert, möchte keiner. Das passiert auf politischer Ebene.“ foto: Hans lippert/Grafik: pms

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