Wie geht der Krieg in der Ukraine weiter?

von Redaktion

Drei Experten erläutern verschiedene Szenarien – und wie wahrscheinlich sie sind

VON CHRISTOPH SÖLLER UND TIM FREHLER

München – Als am 24. Februar russische Panzer über die Grenze der Ukraine rollten, war die Ernüchterung groß. Bis zuletzt hatten die meisten Experten nicht daran geglaubt, dass Wladimir Putin so weit geht. Deutschland und der Westen seien „in einer anderen Welt aufgewacht“, sagte Außenministerin Annalena Baerbock. Ein Angriffskrieg in Europa – das klang nach Geschichte. Nun ist es Gegenwart. Eine Gegenwart mit offenem Ausgang.

Gustav Gressel ist Militärexperte im Berliner Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR) – eine Denkfabrik, die Analysen zu europäischer Außenpolitik bereitstellt. Claudia Major und Lydia Wachs sind Experten für Sicherheitspolitik bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die auch den Bund berät. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, wie sich der Krieg weiter entwickeln könnte – und wie wahrscheinlich diese Szenarien sind.

Szenario 1: Putins Machtverlust

Der Angriff auf Kiew stockt. Gressel spricht von einer „operativen Pause“. Die russische Armee habe logistische Probleme, „banale Dinge wie Motorölwechsel, Wartungen am Getriebe, neue Panzerketten“. Zudem seien die Verluste hoch. Von 10 000 toten russischen Soldaten ist die Rede. Gressel hält die Zahl für realistisch. „Normalerweise ist die Zahl der Verwundeten drei- bis viermal so hoch.“ Auch hochrangige Generäle sind gefallen, weil sie in die vordersten Linien mussten, um sich ein Bild der Lage zu machen. „Diese Generäle wecken das Interesse ukrainischer Scharfschützen.“

Aber reicht das, um Putins Macht zu schwächen?

Die Möglichkeit eines Militärputsches sei ohne nachrichtendienstliche Informationen kaum seriös zu beurteilen, sagt Gressel. Auch wenn viele Offiziere unzufrieden seien, glaubt er nicht an einen baldigen Putsch der Armee: „Wir wissen aus der deutschen Geschichte, wie gefestigt autoritäre Systeme sind.“ Ein Teil der Offiziere arbeite wahrscheinlich für den Geheimdienst. Das Misstrauen Putins sei groß, ein Militärputsch benötige Vorbereitung und Absprachen.

Russland entwickle sich von einer Autokratie in eine Diktatur, sagen die beiden SWP-Expertinnen. Trotzdem: „Viele in der russischen Bevölkerung glauben, dass ihr Land in der Ukraine einen Krieg gegen den Faschismus führt“, erklärt Claudia Major, Leiterin der Forschungsgruppe Sicherheit. „Natürlich hoffen wir von außen, dass sich die Bevölkerung, der Sicherheitsapparat oder die Elite auflehnt.“ Mittelfristig sei das vorstellbar, kurzfristig nicht.

Szenario 2: Russland definiert neue Ziele

Die ukrainische Armee vermeldet zunehmend Erfolge. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte am Mittwoch, die kleine Stadt Makariw und fast ganz Irpin seien wieder unter ukrainischer Kontrolle. Laut Major ist Russland „mit dem Ziel, die Ukraine in einen Vasallenstaat zu verwandeln“, in den Krieg gezogen. Putin habe Kiew einnehmen, die Regierung stürzen, die alte Elite durch Gefolgsleute ersetzen und das Land militärisch handlungsunfähig machen wollen.

Gressel glaubt im Moment nicht, dass Russland diese Ziele noch erreichen kann. „Die russischen Kräfte greifen nur noch Mariupol und im Donbass an. Das kann ein Zeichen sein, dass man sich auf den Osten konzentriert.“ Vorstellbar sei, dass sich Putin mit einem Landkorridor zwischen der Krim und dem Donbass zufriedengebe. Ein Waffenstillstand würde die jetzige Front als Grenze markieren, die Ukraine teilen. So würde der Zugang zum Asowschen Meer abgeschnitten, der Ukraine drohten dann schwere ökonomische Probleme. „Putin würde das in die Hände spielen“, sagt Gressel. Er vermutet, Russland könnte in einigen Jahren einen zweiten Anlauf auf den Rest des Landes starten. Für eine definitive Aussage sei es aber zu früh: „Wir haben von russischer Seite noch nicht alles gesehen, was militärisch möglich ist.“

Major glaubt nicht, dass Russland von seinen Zielen abrückt. Die Strategie bestehe im Moment darin, „brutal und rücksichtslos vorzugehen, um die Ukraine in einen Diktatfrieden zu zwingen“. Ihre Befürchtung ist, dass die Geschlossenheit der Ukraine bröckelt und Präsident Selenksyj so destabilisiert wird, dass „Moskau freie Hand hat“. Die große Unbekannte sei: Wer hält länger durch?

Szenario 3: Kiew droht Schicksal Leningrads

Im April könnte ein Großteil der 134 000 russischen Wehrdienstleistenden des vergangenen Jahres als Berufssoldaten angeworben werden. Russland könnte dann eine zweite Offensive starten – mit mehr Soldaten und besserem Material. Mit frischen Kräften, sagt Gressel, könne es Putin doch noch gelingen, Kiew einzukesseln. „Aber dann hat man die Stadt noch nicht eingenommen.“ Eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern sei schwer zu kontrollieren. Und über den Fluss Dnepr könnten Menschen und Lebensmittel geschmuggelt werden. Kiew, sagt Gressel, werde besser auf eine Belagerung vorbereitet sein als Mariupol. „Man kann das, was die Ukrainer dort militärisch erwartet, mit der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht vergleichen.“

Bei der Leningrader Blockade hungerte die deutsche Wehrmacht die Bevölkerung systematisch aus. Zwischen September 1941 und Januar 1944 starben mehr als eine Million Menschen, die meisten verhungerten. Die Belagerung Leningrads, dem heutigen Sankt Petersburg, gilt als eines der schlimmsten Kriegsverbrechen der Wehrmacht.

Was die Größe der Stadt und die politische Bedeutung für die Verteidiger angeht, seien Leningrad und Kiew vergleichbar, sagt Gressel. „Was das für die Menschen bedeuten würde, möchte ich mir nicht vorstellen.“

Szenario 4: Chemische und nukleare Waffen

Seit Putin am 27. Februar die „Abschreckungskräfte“ in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen ließ, ist die Frage: Wie weit geht er? Sein Sprecher Dmitri Peskow schloss nicht aus, dass der Kreml diese Option nutzt. Lydia Wachs: „Solche Aussagen sind darauf ausgelegt, uns im Westen zu verunsichern.“ Den Einsatz von Atomwaffen hält sie derzeit für unwahrscheinlich. „Russland hat genug Fähigkeiten, diesen Krieg mit konventionellen Waffen zu eskalieren.“

Trotzdem sind die Drohungen ernst zu nehmen. Für Russland sind Atomwaffen nach eigener Doktrin zwar ein defensives Instrument, das nur im äußersten Moment zum Einsatz kommen soll, wenn Russland seine Existenz bedroht sieht. Auffällig sei aber, so Wachs, dass Kreml-Vertreter vermehrt von einer solchen Bedrohung sprechen. Zuletzt erklärte der ehemalige russische Präsident Dimitri Medwedew zum Thema Atomwaffen, man sei „entschlossen, die Unabhängigkeit und Souveränität unseres Landes zu verteidigen und niemandem auch nur den geringsten Grund zu geben, daran zu zweifeln, dass wir bereit sind, auf jede Verletzung unseres Landes und seiner Unabhängigkeit eine würdige Antwort zu geben“.

Wo genau Russlands atomare rote Linie liegt, ist nicht klar. Das ist typisch für eine Nukleardoktrin. Kein Staat legt die Karten offen. Wachs nennt zwei Konstellationen für ein steigendes nukleares Risiko: „Wenn es zu einem massiven konventionellen Konflikt zwischen Russland und der Nato kommt – oder wenn Putin die Kontrolle im eigenen Land verliert.“ Sollte Russland Atomwaffen einsetzen, wäre dies mit „einer massiven Antwort“ des Westens verbunden. „Dem ist sich der Kreml bewusst.“

Die Eskalation befördern könnte der Einsatz chemischer Waffen in der Ukraine. Die Angst davor wird durch Russlands Rhetorik geschürt: „Der Kreml wirft anderen vor, eine Tat vorzubereiten – und begeht sie dann selbst“, sagt Wachs. Gerade agiere Russland erneut nach diesem Muster: Es beschuldigt die Ukraine, chemische Angriffe vorzubereiten. In einer Erklärung schrieben die Nato-Mitgliedsstaaten: „Jegliche Verwendung chemischer oder biologischer Waffen durch Russland wäre inakzeptabel und würde schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen.“ Die Ukraine soll zudem Ausrüstung erhalten, mit der chemische Kampfstoffe erkannt werden können.

Die Prognose der Experten

Laut den Experten wird es weder eine friedliche noch eine schnelle Lösung geben. „Wir müssen anerkennen, dass es von russchischer Seite bislang kein Interesse an einem friedlichen Ende gibt“, sagt Major. Eine diplomatische Lösung müsse derzeit zu 100 Prozent den russischen Vorstellungen entsprechen. „Der Ukraine stehen noch schwere Zeiten bevor“, glaubt Gressel. Eine vollständige Niederlage ist für ihn aber „schwer vorstellbar“.

Alles läuft demnach auf einen langen Stellungskrieg hinaus. Selbst ein Ende des militärischen Konflikts würde den politischen nicht lösen. „Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden“, sagt Major. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir in den nächsten Jahren in einem permanenten Konflikt mit Russland und China stehen werden.“

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