München – Sie sehen in Russland keine Zukunft mehr: Seit Putins Angriff auf die Ukraine verlassen immer mehr Russen ihre Heimat. Schätzungen zufolge sollen es Hunderttausende sein. Viele sind jung, gut ausgebildet und wandern aus Protest gegen ihren Präsidenten aus. Andere befürchten jahrelangen Haftstrafen, weil sie den Krieg öffentlich verurteilt haben. Oft ist es eine Mischung aus beidem. Die Flucht ist nicht einfach, denn wegen der Sanktionen gegen Russland gibt es kaum noch Flüge in andere Länder. Ausnahmen sind Georgien, Armenien, Dubai oder die Türkei. Wer ein Ticket ergattert, geht auf eine Reise ins Ungewisse. Denn der Aufenthaltsstatus für Flüchtlinge des Putin-Regimes ist völlig ungeklärt. Wir haben mit vier Menschen gesprochen, die sich auf den Weg in eine andere Zukunft gemacht haben.
Peter Lisichkin (41) floh über Dubai
Peter Lisichkin (Name geändert) telefoniert fast täglich mit seinen Kindern. Er ist in Berlin, seine Frau und seine beiden Söhne (8 und 15) in Moskau. Wann sie sich wiedersehen, weiß er nicht. Vor einem Monat hat Lisichkin seine Heimat verlassen. „Der Krieg dauerte gerade ein paar Tage. Da habe ich realisiert, dass es in Russland zu gefährlich für mich ist“, erzählt er. Der 41-jährige Regisseur ist recht bekannt in der Kulturbranche, seine Inszenierungen werden sowohl in Russland als auch in Deutschland aufgeführt. Sie sind historisch, politisch, zielen gegen die Sowjetunion und russische Propaganda. „Als Russland die Ukraine angriff, habe ich das in den sozialen Medien offen kritisiert“, sagt er. „In Moskau weiß man, wie ich zu Putin stehe. Für meine Aussagen könnte man mich sicher zehn bis 15 Jahre ins Gefängnis stecken.“ Jetzt ist er vorsichtiger, will anonym bleiben, bis auch seine Familie Russland verlassen hat.
Für russische Staatsbürger ist es schwierig, an eine Aufenthaltserlaubnis in Europa zu kommen. Allein die Reise führt nur über komplizierte Umwege. Lisichkin hatte wegen seiner Arbeit in Deutschland noch ein gültiges Visum. Eigentlich pendelt er oft zwischen Berlin und Moskau. Als er sich zur Flucht entschied, war das nicht mehr so einfach. „Alle Flüge nach Europa wurden gestrichen. Man konnte über Dubai nach Deutschland, das Ticket war fast unbezahlbar. Ich kaufte es trotzdem. Vielleicht ist das die letzte Chance, dachte ich.“
Derzeit ist er bei einem Freund in Berlin. Im August läuft sein Visum ab. „Ich versuche, meinen Aufenthalt irgendwie zu verlängern. Aber ehrlich gesagt bin ich ratlos.“ Der Russe möchte arbeiten, wieder auf eigenen Beinen stehen. Seine Kreditkarten wurden wegen der Sanktionen gegen Russland gesperrt. „Ich wünsche mir von der deutschen Regierung mehr Unterstützung für Russen, die sich gegen Putin gestellt haben“, sagt er. Der Regisseur kennt viele qualifizierte Menschen, die Russland verlassen wollen: Künstler, Wissenschaftler, IT-Spezialisten. „Wenn man uns erlaubt, hier auf Dauer zu leben und zu arbeiten, kann Deutschland nur davon profitieren.“
Andrey Afonin (29) blieb in Georgien
Andrey Afonin hat sich nicht mal von seinen Eltern verabschiedet. Als vor fünf Wochen der Krieg ausbrach, war der 29-jährige Russe gerade in Georgien zum Skifahren. „Ich habe mich spontan entschieden, dazubleiben“, erzählt er. „Es gibt verschiedene Arten des Protests. Manche sind gegen Putin auf die Straße gegangen, auch einige meiner Freunde. Das hatte kaum einen Effekt, außer dass sie eine lange Haftstrafe riskieren.“ Afonin hat eine andere Art des Protests gewählt: Er hat seine Heimat St. Petersburg hinter sich gelassen. „Wenn nur genug Menschen Russland verlassen und keine Steuern mehr zahlen, sich weigern, diesen Krieg zu finanzieren, dann hätte das durchaus einen Effekt.“
Jetzt wohnt der Ingenieur in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Georgien. Wie lange, ist unklar. Ein Jahr mindestens, sagt er. Solange Putin in Russland regiert, wagt er sich nicht zurück. In den sozialen Medien ruft er immer wieder dazu auf, das Land zu verlassen. „Hört auf, Steuern an die Behörden zu zahlen, die wir hassen!“, sagt er in einem Instagram-Video. In Russland würde man ihn für solche Aussagen wohl verhaften.
Einige Bekannte, erzählt er, hätten reagiert. „Viele wollten sich bei mir informieren: Wie man das Land verlassen kann, und ob man in Georgien eine Wohnung findet.“ Afonin will jeden unterstützen, der diesen Schritt macht. Er habe noch ein freies Zimmer, antwortet er dann. „Einer meiner besten Freunde hat das Angebot angenommen, ich warte jetzt auf ihn“, sagt Afonin. „Hoffentlich kommt er. Vielleicht kann er mir sogar ein paar meiner Sachen mitbringen.“
Bis auf seinen Urlaubskoffer hat der Russe alles in St. Petersburg gelassen. Seine Eltern hat er gebeten, einiges zu verkaufen oder gleich zu verschenken. „Sie vermissen mich, aber sie unterstützen meine Entscheidung.“ Besonders schwer ist sie ihm nicht gefallen. Afonin ist schon lange ein Gegner Putins. „Ich war viel in der Welt unterwegs, auf den Straßen der USA oder Deutschlands, habe gesehen, was in Finnland gegessen wird. Dann ist mir aufgefallen, dass wir in St. Petersburg nur wenige schöne Autos haben. Unsere Früchte sind nicht so schön wie in Finnland, obwohl es auch im Norden liegt.“ Afonin wurde klar, dass ein besseres Leben möglich wäre. „Ich hatte nie einen anderen Präsidenten als Putin. Außer Jelzin, aber da war ich erst sechs.“ Ein Wandel sei überfällig. Bis der nicht stattfindet, will Andrey Afonin nicht zurückkehren.
Svetlana Kusnezow (28) will nicht zurück
Svetlana Kusnezow (Name geändert) hat noch 20 Tage. Dann muss sie die Türkei verlassen. „Ich bin vor einem Monat als Touristin eingereist“, erzählt die russische Schauspielerin. Mit Urlaub hat ihre Reise aber nichts zu tun. Kusnezow hat Moskau aus Angst verlassen. „Bald läuft mein Visum aus. Ich habe Angst, zurück zu müssen.“
Der russische Angriff auf die Ukraine war für die 28-Jährige ein Schock. „Ich konnte es nicht glauben“, sagt sie. „Viele Russen glaubten, was im Staatsfernsehen berichtet wird. Ich fing an, bei Facebook und Instagram über die Wahrheit zu schreiben. Dass in der Ukraine etwas Schreckliches passiert.“
Über die Konsequenzen hatte sie da noch nicht nachgedacht. Kusnezow muss eine lange Haftstrafe befürchten – weil sie die „Militäroperation“ als Krieg benannt hat. „Es ist doch nicht normal, wenn du auf der Straße die Polizei siehst und instinktiv wegrennen willst.“
Die Schauspielerin buchte sich ein Flugticket nach Istanbul, will eigentlich weiter nach Deutschland oder in die Niederlande, wo sie Freunde hat. „Ich komme aber an kein europäisches Visum. Mein Pass läuft bald ab. Irgendeine Lösung muss ich finden, aber ich weiß nicht, wie.“ Wenn ihr Touristenvisum endet, muss sie zurück nach Russland. „Dann muss ich einfach hoffen, dass mich niemand festnimmt. Und sofort wieder versuchen, in einem anderen Land unterzukommen. Ich kann dort nicht bleiben.“
Vera Dubina (46) droht in Moskau Haft
40 Jahre: So lange könnte man Vera Dubina nach den neuen russischen Gesetzen inhaftieren. Die Historikerin hat es überschlagen. „Ich bin meine früheren wissenschaftlichen Projekte durchgegangen“, sagt sie. „Alleine für meine Arbeit über russische Besatzungssoldaten, die im Zweiten Weltkrieg deutsche Frauen vergewaltigt haben, gäbe es fünf Jahre. Dazu kommen noch einige weitere.“
Die 46-Jährige beschäftigt sich schon viele Jahre mit der russischen Geschichte, mit früheren Kriegen, der sowjetischen Denkweise. Dennoch glaubte sie bis zuletzt nicht an einen Angriff auf die Ukraine. „Ich war sprachlos. Ich kaufte sofort Flugtickets nach Deutschland. Sie wurden storniert. Dann gab ich mein ganzes restliches Geld für weitere aus. Auch die wurden storniert.“ Dubinas Angst wurde immer größer, Kollegen an der Moskauer Top-Universität „Shaninka“ waren bereits zu Haftstrafen verurteilt – ohne fairen Prozess, erzählt sie. „Ich habe mich gefragt, ob ich mich mit meiner fünfjährigen Tochter in irgendeinem Dorf verstecken soll. Solche Gedanken hatte ich.“
Jetzt sind die beiden in einer kleinen Wohnung in Bremen untergekommen. Dubina hat schon früher oft an deutschen Universitäten unterrichtet. Das hat ihr die Flucht ermöglicht. „Mein Arbeitgeber hat uns zum Glück noch mal Tickets über Istanbul nach Deutschland gekauft“, erzählt sie. An der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen hat sie ein Stipendium bekommen. Sechs Monate darf sie nun bleiben. Wohin es danach geht, weiß sie noch nicht. Zurück nach Moskau kann sie jedenfalls nicht.